Bewegend wird geschildert, wie der gefürchtete, so mächtige Kritiker Kerr, der des Lobens und Liebens wie des Verreißens und Hassens gleichermaßen fähig war, ernsthaft und ermutigend mit der Tochter umgeht, die sich im Dichten ausprobiert: „Eins hatte von einer Feuersbrunst gehandelt und eins von einem Mann, der unter schrecklichen Qualen starb, nachdem er von einem Landstreicher verflucht worden war. Sollte sie es einmal mit einem Schiffbruch versuchen?“
Weshalb Anna ausgerechnet auf diese Stoffe kommt, muss man sich nicht fragen, sie erspürt ja, was passiert, ihre Sprache reagiert darauf. Und doch tröstet und freut es sie, zu dichten, die Gedichte zu illustrieren: „Allerlei Wörter reimten sich auf ,See‘, und man konnte ,Welle‘ und ,helle‘ reimen.“ Die Reime werden hier wie Orientierungsmarken oder Haltegriffe geschildert. Als Anna die Gedichte ihrem Vater zeigt, der in seinem Zimmer vor der Schreibmaschine und einem Berg von Papieren sitzt, „mit angespanntem Ausdruck in seinem schmalen Gesicht“, heißt es: „Er las es zweimal durch und sagt, es sei sehr gut.“ „Sollte es nicht fröhlicher sein?“, fragt Anna, und der Vater antwortet: „Wenn du über Unglück schreiben willst, musst du es auch tun. Es hat keinen Zweck, das zu schreiben, was andere Leute hören wollen. Man kann nur dann gut schreiben, wenn man versucht, es sich selbst recht zu machen.“
Ist es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet der gefürchtete Kritiker Kerr hier als Vater einer Tochter auftritt, deren Kreativität er ihr ganz und gar zugesteht, sodass diese sich unbeirrt entfalten kann? Die Autorin Judith Kerr hat auf der Grundlage dieses Vertrauens ein Werk geschaffen, das in ganz anderer Weise aufklärerisch wirkte und wirkt als das des Vaters; sie hat mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahl zugleich die Bedrohung geschildert, die mit dem Schreiben einhergehen kann, wenn die Meinungsfreiheit nicht mehr gewährleistet ist, hat die Selbstermächtigung durch das Schreiben, die Aufforderung, dem eigenen kritischen Maßstab zu vertrauen, benannt, den Trost, den das Schreiben, hier das von Gedichten, verspricht, wenn auch nicht unbedingt zuverlässig oder dauerhaft.
Dieses Gespräch des Vaters mit der Tochter, das erfahren die Leser erst am Ende des Kapitels, wird das letzte zwischen ihnen im Berliner Zuhause sein, ehe Kerr ins Exil vorausgeht. Später wird die Familie ihr Leben weiterführen, zwar gebrochen, aber eben weiterführen, anders als die Juden, denen die Flucht nicht gelungen ist. Kerrs Sohn Michael, der im Roman Hans heißt, wird als Erster nicht in England Geborener zum höchsten Richter in England werden. Judith Kerr wird Schriftstellerin werden, und es war tatsächlich, so erfährt man bei Deborah Vietor-Engländer, ihre Art, über ihren Vater zu sprechen, die Alfred Kerrs Biographin veranlasste, dessen Leben und Tun gründlicher zu verstehen. Alfred Kerr, der zum Ende seines Lebens britischer Staatsbürger geworden war, der nie mehr an seinen Erfolg in Deutschland anknüpfen konnte, wird nach einem Schlaganfall während einer Vortragsreise durch Deutschland im Jahr 1948 Suizid verüben und noch die letzten Minuten seines Lebens schreibend zubringen. Man könnte nun weiter nachdenken über die Situation Exilierter, aufgrund bestimmter Eigenschaften willkürlich Verfolgter, über Arbeitsbedingungen eines Großkritikers, der in der Fremde weiterhin versucht, das Einkommen für die Familie zu erwirtschaften, – all das wäre hochbrisant und aktuell. Doch als eine, die viel Lyrik rezensiert, möchte ich mit Ihnen auf die Dichtung schauen, auf das Verfassen von Versen, die sich reimen.