Jahrestagung der IG BellSa

Karin Schmidt-Friderichs: "Engagement setzt innere Kräfte frei"

21. Januar 2025
Redaktion Börsenblatt

Im Münchner Literaturhaus tagt heute die IG Belletristik und Sachbuch. Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs erinnert in ihrem Grußwort an verdiente Weggefährten - und wünscht dem Verband im Jubiläumsjahr ein starkes, engagiertes Ehrenamt. Die Rede im Wortlaut.

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs 

Liebe Kolleg:innen, liebe Gäste,

bevor ich Sie im Namen des Vorstands des Börsenvereins zur Jahrestagung der IG BellSa begrüße, möchte ich Sie bitten, mit mir dreier Menschen zu gedenken, die über den Jahreswechsel verstorben sind und die in unseren Reihen heute fehlen – und ich bitte Sie, sich kurz zu erheben:

Dr. Jürgen Arne Bach erhielt im Frühjahr letzten Jahres die Diagnose Krebs. Er entschied sich gegen die Chemotherapie und dafür, die Krankheit anzunehmen. Bis kurz vor seinem Tod las er Bücher, die ihm auch in der Krankheit Kraft gaben.
Seine Tochter Annika Bach, Nachfolgerin im Seemann Henschel Verlag, schildert, wie schön es für die Familie war, die Freude am Buch selbst in den letzten Wochen der Krankheit als Trost mitzuerleben.

Jürgen Arne Bach, Träger der Goldenen Nadel des Börsenvereins, starb am 20. Dezember im Kreis der Familie.

Hans Dieter Beck - Grandsegnieur und Kaufmann, begeisterter Bergsportler und mit siebzig Jahren noch Treiber der Digitalisierung - starb am 3. Januar friedlich in München. Ruhestand war für ihn ein Fremdwort, Urlaub überschätzt, Selbstdisziplin zeichnete ihn aus - bis zum Schluss fuhr er mit dem Fahrrad im Verlag vor. Noch vor gut 6 Monaten leitete er die letzte Sitzung der Arbeitsgemeinschaft rechts- und staatswissenschaftlicher Verlage (ARSV).

Die Liste seiner ehrenamtlichen Engagements für den Börsenverein würde hier den Rahmen sprengen, erwähnen möchte ich auch hier die Goldene Nadel, die der Verein Hans Dieter Beck 1997 verlieh.

Der dritte Mann, der schmerzlich fehlt, ist Rolf Nüthen. 
Er war ein Mensch der leisen Töne, er arbeitete lieber im Hintergrund und doch geht es vielen im Börsenverein wie mir:
Wir können uns den Verein ohne Rolf Nüthen einfach nicht vorstellen! 

Der frühere Geschäftsführer des Ausschusses für Verlage und nach seinem altersbedingten Ausscheiden aus dem Amt Geschäftsführer des Sozialwerks des deutschen Buchhandels starb am 29. Dezember nach schwerer Krankheit. 

Rolf Nüthen war der erste Börsenvereins-Mitarbeiter, den ich kennenlernte und er blieb für mich immer das, was den Verein ausmacht: Er verkörperte Verbindung und Verbindlichkeit. Alle drei haben sich in besonderem Maße auch für die IG BellSa engagiert.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gedenkt dieser und aller anderen Kolleg:innen, die in unseren Reihen schmerzlich fehlen. Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme!

Alle drei haben sich in besonderem Maße auch für die IG BellSa engagiert.

Karin Schmidt-Friderichs

Liebe Kolleg:innen, 

Vor 5 Jahren um diese Zeit habe ich – gerade mal drei Monate im Amt - zum ersten Mal das Grußwort hier halten dürfen.
Damals habe ich mich gefragt, was wäre, wenn wir alle nur Jahresverträge hätten. Wenn wir also zum Jahreswechsel immer entscheiden müssten, ob wir uns wieder bewerben: auf diesen Job. In diesem Unternehmen. In dieser Branche.

Heute stehe ich zum letzten Mal in dieser Rolle hier vor Ihnen und für mich ganz persönlich kann ich sagen: ich würde mich wieder bewerben um dieses Amt - und ich bin dankbar, noch ein knappes Jahr Ihre Vorsteherin sein zu dürfen.

Es kam dann fast alles anders als ich das hier vor 5 Jahren dachte, das lag vor allem an Corona. Aber JA: ich würde mich wieder bewerben, auch wenn ich jetzt ja weiß, was dieses Amt – vor allem in schwierigen Zeiten - alles umfasst.

Ich würde mich wieder bewerben und das liegt an Ihnen: An dieser Branche und an der Art, wie wir miteinander umgehen. An Ihrer Unterstützung. Ihrer Offenheit. Ihrem Vertrauen. Auch an Ihrem intensiven Feedback.
Dafür danke.

Kompromisse feiern statt zu verteufeln

Ich möchte hier aber nicht über mich sprechen, sondern über das Ehrenamt im Börsenverein und darüber, was Verbandsdemokratie einen lehrt. Auch darüber, dass Demokratie Engagement braucht.

In einem Monat wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Kandidat:innen stehen in der Winterkälte Rede und Antwort. Demokrat:innen lassen sich von zunehmender Verrohung in Wort und Tat nicht abschrecken in ihrem Willen, dieses Land mitzugestalten.

Und nur, wenn es ausreichend mutige Menschen gibt, die sich zur Wahl stellen, haben wir Bürger:innen die Wahl – und damit eine demokratische, offene Gesellschaft, für die Menschen ihre Leben gegeben haben.

Ende Februar werden Koalitionsgespräche geführt und das bedeutet, Kompromisse auszuhandeln, die tragfähig sind.
Es bedeutet nicht, auf Teufel komm raus Partikularinteressen durchzusetzen. Es bedeutet, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und den Kompromiss zu feiern, statt ihn zu verteufeln.

Wie im dreispartigen Börsenverein mit seinen so unendlich vielfältigen Mitgliedern.

In drei Monaten wird dieser älteste Wirtschaftsverband Deutschlands 200 Jahre alt und das ganze Jahr steht im Zeichen dieses runden Geburtstags. Den Höhepunkt bildet der Jubiläumskongress am 5. und 6. Juni in Berlin. "Neue Kapitel" heißt der, denn wir wollen gemeinsam nach vorne schauen. Zukunftszugewandt, selbstbewusst und mutig. Falls Sie sich noch nicht angemeldet haben: Noch zehn Tage gilt der attraktive Frühbucherrabatt.

Ein runder Geburtstag ist immer auch ein Anlass, Wünsche zu formulieren. Was also wünsche ich dem Börsenverein?

Dieser Verein wird vom Ehrenamt geleitet wie jeder Verein. Der Vorstand wird in den Fachgruppen beziehungsweise direkt von der Mitgliedschaft gewählt. Er setzt den strategischen Rahmen,in dem das Hauptamt agiert. Also liegt es nahe, dem Verein ein gutes Ehrenamt zu wünschen.

Ehrenamtliches Engagement aber wird rarer, denn die gesellschaftlichen und unternehmerischen Realitäten und Rahmenbedingungen haben sich verändert in zweihundert Jahren, aber natürlich vor allem in den letzten zwanzig.

Die Digitalisierung hat Konzentrationsprozesse beschleunigt. Das inhabergeführte mittelständische Unternehmen
ist heute eher die Ausnahme als die Regel. CEOs reporten Quartalszahlen, in die zwar zunehmend ökologische Faktoren Eingang finden, gesellschaftliches und soziales Engagement aber lässt sich schwer in Kennzahlen packen. Schade eigentlich.

Die Zeiten, in denen Frauen ihren Männern den Rücken freihielten für den Job und den Dienst an der Gesellschaft sind – gottseidank – vorbei. Heißt aber auch: wenn Powerpaare sich überhaupt noch sehen wollen, werden beide ernsthaft darüber nachdenken, ob sich eine:r oder beide über den Job hinaus engagieren. Das merken wir auch im Börsenverein.

2019 war mit je zwei Kandidat:innen um die Ämter Vorsteher:in und Schatzmeister:in eher die Ausnahme, denn die Regel demokratischen Vereinslebens.

Aber nur, wenn mehrere kandidieren, haben die Mitglieder – also Sie – die Wahl. Und radikal gedacht können wir vielleicht auch nur von Demokratie sprechen, wenn wir die Wahl haben.

Deshalb sollten wir uns Gedanken darüber machen, was ehrenamtliches Engagement bedeutet. Im Börsenverein, in einer Partei, einer Bürgerbewegung oder im Sozialen.

Es liegt nahe, dem Verein ein gutes Ehrenamt zu wünschen.

Karin Schmidt-Friderichs

Ehrenamt als gelebte Verantwortung

Ich mag den Begriff Ehrenamt nicht.
Ja, es ist eine Ehre, Sie gegenüber dem König von Spanien oder dem Bundespräsidenten zu repräsentieren, aber eigentlich sehe ich es so:

Sie mandatieren mich, Sie zu vertreten. Das heißt, Sie geben mir einen Vertrauensvorschuss, dessen ich mich würdig erweisen sollte, um mir durch mein Handeln Ihr Vertrauen zu verdienen.

Sie trauen mir zu, für Sie zu sprechen, für Ihre Interessen einzustehen, Sie zu repräsentieren, die Diversität und den Facettenreichtum der Branche trotz aller Unterschiede zu bündeln, eine Metaebene einzunehmen. Es ist also keine Ehre,
sondern eine Aufgabe.

Nur, wenn ich verantwortlich mit dem Vertrauensvorschuss umgehe, den Sie mir gegeben haben, werde ich mich dieses Kredits würdig erweisen.

Und das führt mich zum zweiten Bestandteil des Wortes, dem Amt. Oh Gott denke ich da. Amtsschimmel, Bürokratie und Schlimmeres. Bitte nicht! Nein, das ist kein Amt!

Diese Position ist eine Herausforderung, es ist eine Selbstverpflichtung, es ist gelebte Verantwortung.

Genau wie in der Politik. Und deshalb ist es demokratiezersetzend und verantwortungslos, wenn Politiker:innen Spielchen spielen und Parteien-Egoismen frönen. Und es wäre verantwortungslos, Sparten- oder Partikularinteressen im Vorstand über das Wohl der Branche zu stellen.

Wir sollten also statt von "Ehre" und "Amt" von "Vertrauen" und "Verantwortung"“ sprechen.

Macht es das leichter, Kandidat:innen zu motivieren? Ich weiß es nicht.

Also lassen Sie uns darüber sprechen, was man davon hat, sich ehrenamtlich oder vertrauensverantwortlich zu engagieren.

Ich habe gesagt, dass ich jederzeit wieder für dieses Amt kandidieren würde. Obwohl ich unterschätzt habe, wie kräftezehrend diese Aufgabe – so wie ich sie für mich definiert habe - sein würde.

Demokratie ist mühsam. Manchmal sperrig. Manchmal, ja, auch nervig. Einen Verband – und erst recht ein Land - zu führen
erfordert andere Skills als die Führung eines Unternehmens. Es sind andere Prozesse zu steuern, andere Hürden zu nehmen.

Das Aushandeln von Kompromissen, das Erarbeiten von Mittelwegen, die nicht der Tod sind, der Ausgleich von Interessen,  Rücksichtnahme und gelebte Diversität - da ähnelt Verbandsarbeit eher der großen Politik als der Realität in Unternehmen.

Engagement setzt innere Kräfte frei

Und diese Realität fördert andere Stärken. Sie verändert einen Menschen und macht – so empfinde ich es – sein Leben in vielem reicher - (nicht an Freizeit!)

Das ist ein Learning, das es in der Corporate World nicht gibt. Ich hoffe für alle, die sich auf diese Art engagieren, dass sie dies auf der Habenseite verbuchen können.

Ehrenamtliches oder eben vertrauensverantwortliches Engagement setzt Kräfte in einer Person frei, die sich sonst vielleicht nie so entwickelt hätten. Es stärkt Kompetenzen, die wir in einer volatilen, unübersichtlichen, inkonsistenten und in rasantem Wandel befindlichen Welt benötigen.

Ich wage zu behaupten, dass der Erfahrungsschatz einer solchen Tätigkeit echtes "Human Capital" ist. Für den Menschen,
der diese Stärken ja dann in sich trägt. Und für das Unternehmen, in dem er oder sie sich einbringt.

Es sollte also im Interesse von Marken und Menschen, also Unternehmen und Mitarbeitenden sein, über ein solches Engagement ernsthaft nachzudenken.

Mut zum Engagement

Was aber ist die Realität?

Die oberste Führungsebene ächtzt unter der Last des Alltags und hat keine Zeit. Alle darunter werden nicht oder nur widerwillig für ehrenamtliche Aufgaben freigestellt. Keine einfache Situation. Und ich habe keinen Joker in der Hinterhand.

Aber ich möchte zum Thema Freistellen noch einen Gedanken einbringen:

Mein Chef, das bin ich selbst, hat mich nicht freigestellt. Ich fange morgens noch früher an und bin noch effizienter geworden. Ich habe Grenzen ausgelotet – und überschritten.

Und ich habe es keinen Moment bereut!

Deshalb möchte ich Ihnen Mut machen, sich zu engagieren. In diesem Verband, in Ihrer Gemeinde, in einer demokratischen Partei, einem gemeinnützigen Verein oder einer Bürgerbewegung.

Wer antritt, Gesellschaft mitzugestalten – und das genau das tut Ehrenamt beziehungsweise vertrauensverantwortliches Engagement – erlebt Selbstwirksamkeit und sein Tun als relevant.

Wer mitgestaltet, überschreitet die Grenzen seiner Komfortzone - und weitet diese.

Wer mitgestaltet, begreift Interdependenzen und lernt, Folgen abzuschätzen.

Wer Verein mitgestaltet, gestaltet Gesellschaft mit.

Wer Gesellschaft mitgestaltet, stellt Weichen für die Zukunft, in der wir leben werden. 

Vielleicht führt der Weg vom Verein später sogar weiter in andere Formen demokratischen Engagements.

Wer Verein mitgestaltet, gestaltet Gesellschaft mit.

Karin Schmidt-Friderichs

Unternehmen, deren führende Mitarbeiter:innen das Instrumentarium der teilhabenden Gestaltung neben dem der Führung beherrschen, werden für die komplexe Zukunft besser aufgestellt sein.

Unternehmen, deren leitende Mitarbeiter:innen die Branche mitgestalten, in der sie unterwegs sind, werden in dieser Branche eine aktive Vorreiterrolle spielen.

Menschen, die ihr Stärken-Portfolio auf- und ausbauen sind besser in dem, was sie tun. Und zufriedener.

Sie sind auf dem besten Weg dahin, denn Sie sind heute hier.

Sie werden morgen aufarbeiten, was von heute liegen geblieben ist und Sie werden es zufriedener tun, weil Sie Ihren Blick geweitet haben – über das Tagesgeschehen hinaus.

Und vielleicht werden Sie in den nächsten Tagen und Wochen darüber nachdenken, wie Sie über Ihre Rolle im Unternehmen hinaus diese Branche und die Gesellschaft mitgestalten können. Das wäre schön.

Denn in dieser Branche arbeiten so viele kluge Köpfe, dass wir anfangen sollten mit dem Projekt: Demokratie mitgestalten!

Ich danke Ihnen für Ihr Engagement. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Ich freue mich auf diesen Tag und das anregende Programm. Und ich freue mich auf dieses Jubiläumsjahr und auf die damit verbundenen Begegnungen.

Ich danke Ihnen!