Gastland-Serie: Auf einen Cider mit … Wencke Mühleisen

"Zuhören ist ein wichtiger politischer Akt"

31. März 2025
Nicola Bardola

Für die Recherche zu ihrem neuen Roman hat sich Wencke Mühleisen selbst bei drei verschiedenen Dating-Apps angemeldet. Was sie dabei erfahren hat, erzählt sie hier. Ein weiterer Punkt ist die autoritäre Kommune von Otto Muehl, deren Mitglied sie rund ein Jahrzehnt war – bis sie sich davon befreite. Angesichts der aktuellen Entwicklungen appelliert sie an Künstler und Intellektuelle, nicht in ein inneres Exil zu gehen.

Wencke Mühleisen vor ihrem Foto auf der Leipziger Buchmesse

"In Norwegen sind Single-Haushalte in der Mehrzahl. Die meisten Menschen leben bei uns alleine. Das wird nicht mehr stigmatisiert. Das Alleinleben kann ja auch absolut freiwillig geschehen und eine wunderbare Sache sein. Man kann beispielsweise viel offener der Welt begegnen", sagt die Schriftstellerin und frühere Professorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Stavanger Wencke Mühleisen. Sie wurde 1953 als Tochter einer Norwegerin und eines slowenisch-österreichischen Vaters geboren und beschäftigt sich weiterhin an der Universität Oslo mit feministischer Theorie, Queer Theory sowie dem Verständnis von Geschlecht, Sexualität und Intimität in Öffentlichkeit und Kultur. Mühleisens Protagonistin im neuen Roman "Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert" (Nagel & Kimche) steckt zu Beginn der Geschichte in einer Depression, denn ihr Gatte hat sie nach einem langen und scheinbar glücklichen Familienleben verlassen, und ihr Kind ist ausgezogen. Soll sie nie wieder die körperliche Nähe zu einem Mann erleben?

Ein Mann mit Trøndelag-Dialekt

Die Sorge, bis zum Tod alleine leben zu müssen, treibt sie um. Sie will ihrem Singledasein ein Ende setzen und meldet sich bei Dating Apps an. "Bei Lesungen stelle ich fest, dass ich mit diesem Thema offenbar einen Nerv getroffen habe, weil einerseits die Erfahrung mit Online-Dating inzwischen eine sehr allgemeine geworden ist, aber – zumindest für ältere Semester – immer noch etwas Schamhaftes an sich hat." Mühleisen selbst hat sich gleichzeitig bei drei verschiedenen Apps angemeldet. "Ich musste ja Feldarbeit leisten. Immerhin besagt die Forschung, dass sich inzwischen öfter auch reifere Menschen erstmal online kennenlernen." Mühleisens Protagonistin macht zunächst problematische Erfahrungen vom Schreiben am Laptop bis zum ersten Telefonat: "Frank hatte eine hohe Stimme, die im Trøndelag-Dialekt auf und ab schwang … Ich atmete hektisch, erschöpft vom Hineinhorchen in seine Stimme, um die Seele zu finden, die dort hausen musste … Nachdem wir endlich aufgelegt hatten, weinte ich. Was sollte ich mit einem fremden Mann mit hoher Stimme?"

Schweigesauna mit Fjordzugang

"Meine Protagonistin kommt im Lauf des Romans an einen Punkt, an dem sie den unbedingten Vorsatz, einen Partner finden zu müssen fallenlässt. Sie übernimmt wieder die eigene Verantwortung für ihr eigenes Leben. Das hört sich für eine 69-jährige Frau komisch an, aber es ist eine Art, noch einmal erwachsen zu werden", schmunzelt Mühlesein. "Ist es nicht schön, wenn man auf diese Weise jung bleiben kann, und innerlich nicht versteift?" Mühlesein nimmt im Roman eine Gender-Perspektive ein: "Meine Figur geht in einem Gebirgshotel in eine leere Sauna. Eine andere Frau kommt herein, von der sie bei einer erotische Begegnung völlig überrumpelt wird. Davor macht sie all die Online-Anstrengungen, und plötzlich passiert es. Das zeigt, dass sie gut unterwegs ist, auch emotional", so Mühlesein. Norwegen sei ein Land der Saunen. Sie selbst gehe gerne zu jeder Jahreszeit in Saunen, idealerweise mit Fjordzugang. Erotisierend sei das keinesfalls und diene nicht als Ort der Partnersuche. "In Oslo gibt es schöne Stadtsaunen. Ich mag das Urbane, die anonyme Intimität. Man hat die Auswahl auch zwischen Saunen, wo man sich unterhalten kann und wo nicht." Mühleisen bevorzugt Schweigesaunen: Sie will sich im Dampfbad erholen.

Wir dürfen nicht ins innere Exil gehen

Mühleisens Buch "Du lebst ja auch für deine Überzeugung. Mein Vater, Otto Muehl und die Verwandtschaft extremer Ideologien" (Zsolnay) ist besonders in Österreich und Norwegen präsent, einerseits wegen des finnischen Fortsetzungskriegs gegen die Sowjetunion, andererseits wegen der autoritären Kommune von Otto Muehl, deren Mitglied Mühleisen von 1976 bis 1985 war: "Mein Vater war in der Wehrmacht, aber das war lange Zeit ein Familiengeheimnis. Wir wollten uns in den 1970er Jahren von totalitären Systemen befreien und regredierten in eine autoritäre Sekte." Mühleisen brach aus der Kommune aus und erwirkte mit Gleichgesinnten einen Prozess gegen Muehl, der zu einer siebenjährigen Haftstrafe führte. Danach gründete der inzwischen verstorbene Muehl eine Sekte in Portugal. "Es wird noch Jahre dauern, bis klar wird, was dort passierte. Was mich immer noch umtreibt, sind autoritäre Strukturen im Gegensatz zur Freiheit des Individuums. Und nun auch die verbale Aufrüstung, das Reden von Kriegstüchtigkeit und Dienstpflicht. Es geschieht eine unheimliche Wiederholung, nicht eine Kopie – es geschieht ja nie das Gleiche – aber eine Wiederholung: Es erreicht uns jetzt in einer ganz anderen Zeit, mit ganz anderen Medien und Technologien. Ich denke, es ist eine neue Form des Faschismus." Mühleisen sieht auch Chancen: "Wir müssen uns komplett neu orientieren. Es könnte ein neuer Aufbruch stattfinden. Wir müssen miteinander reden. Zuhören ist ein wichtiger politischer Akt. In den 1930er Jahren gingen viele Künstler und Intellektuelle in ein inneres Exil. Das dürfen wir nicht tun."

Man muss lernen, abzulehnen und abgelehnt zu werden

Mühleisen muss sich selbst neu ausrichten: "Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist. In Norwegen wird ständig geschrieben und gesagt, dass jederzeit ein Angriff bevorstehen könnte. Ich glaube das eigentlich nicht." Mühleisen betont, dass das Private auch politisch sei. "Ich habe viele nette Menschen kennengelernt beim Dating und viele gute Gespräche geführt. Aber man muss das Spiel akzeptieren: Es ist ein Spiel zwischen Authentizität und Inszenierung – wenn man das lernt, kann man es relativ entspannt spielen. Das wichtigste dabei ist: Man sollte nett und höflich sein. Denn man muss lernen, abzulehnen und abgelehnt zu werden. Und das sollte man auf eine gut Art tun." Mühleisen hat sich inzwischen von allen Plattformen abgemeldet. "Aber ich sage nicht, dass ich das nie wieder machen werde. Ich kann das ohne weiteres empfehlen."