Independence-Dinner

"Essen Sie bei mir, sonst verhungern wir beide!"

31. März 2025
Nils Kahlefendt

Charme-Offensive: Nach sechsjähriger Hunger- und Durststrecke brachte das Independence-Dinner während der Leipziger Buchmesse Medienleute und unabhängige Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen.

Das "Independence Dinner" fand in ungewöhnlichen Ambiente statt

Der legendäre "Chinabrenner" von Thomas Wrobel ging in Corona-Zeiten über den Deister, doch nun konnte das Festbankett wieder neu aufleben – in Wrobels neuem Etablissement "Drunken Master", zu finden auf einem von der Gentrifizierung noch nicht voll erwischten klandestinen Areal zwischen Messegelände und Bahnhof, auf dem es ein wenig ausschaut wie im Leipzig von 1990. 

So vielfältig und stark gewürzt wie Wrobels Gerichte ("Die extrem scharfen Sachen habe ich weggelassen, aber alles, was rot aussieht, ist mit Vorsicht zu genießen!") sind die Programme der unabhängigen Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die nach langer Pause Medien-Leute und Kulturnetzwerker zum "Independence Dinner" einluden. Das kulinarisch-kulturpolitische Gemeinschaftswerk von Hotlist, ARGE Österreichische Privatverlage, Swiss Independent Publishers (SWIPS) und der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) kam heuer, so erklärte Hotlist-Promotor Axel von Ernst (Lilienfeld) durch tatkräftige Hilfe von Dörlemann Satz (Lemförde) zustande: "Ohne Frauke Czwika würde es dieses Dinner garantiert nicht geben", so von Ernst.

Es waren wohl die den Raum durchwabernden köstlichen Gerüche der chinesischen Volksküche, die es Rednerinnen und Rednern angelegen sein ließen, kurz auf den Punkt zu kommen – schließlich haben sie die Erklärungen, warum es immer nur mit Ach und Krach zu einer schwarzen Null oder einem bescheidenen Plus reicht, schon seit Jahr und Tag an Politik und Presse verschickt. Nun hofft man, so Sarah Käsmayr (Maro), dass eine "strukturelle Verlagsförderung" nicht wieder in den Wirren der Koalitionsverhandlungen stirbt. Ob der Deutsche Verlagspreis in diesem Jahr ausgeschrieben werde, stehe derzeit "in den Sternen".

Daniel Beskos (Mairisch) ist froh, dass Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda im Kulturausschuss sitzt, ein Mann, der seit vielen Jahren das Ohr an der Indie-Verlagsszene hat. In Hamburg jedenfalls hat man gute Erfahrungen mit dem Aufbau neuer Förderstrukturen – ob da auch noch mehr andere Bundesländer, oder gar der Bund, mitziehen? Die KWS leistet unterdessen mit einem von der Berliner Agentur Golden Cosmos in Szene gesetzten Plakat Aufklärungsarbeit, das klärt, was man schon immer über Verlagsarbeit wissen wollten, aber nie zu fragen wagte – und das bei der Stiftung und im Buchhandel erhältlich ist.  

Dem Vorsitzenden des Österreichischen Verlegerverbandes Alexander Potyka (Picus) blieb es vorbehalten, mit einer Legende aufzuräumen – der in schöner Regelmäßigkeit vorgebrachten Behauptung, man sei unabhängig. Das Gegenteil ist der Fall: "Wir sind extrem abhängig! Von unseren Lesern, Autoren, von Buchhändlerinnen und Buchhändlern." Und natürlich auch von den so zahlreich erschienenen Kritikerinnen und Kritikern. Letztlich, so Potyka, sitzen Journalisten und Verlagsleute in einem Boot. Den passenden Slogan dafür liefert ihm ein indischer Wirt, der unweit seines Verlags in der Wiener Josefstadt mit diesen Worten wirbt: "Essen Sie bei mir, sonst verhungern wir beide!"