Gastland-Serie: Auf einen Cider mit … Øystein Wiik

"Davon bekomme ich Alpträume"

31. März 2025
Nicola Bardola

Der norwegische Tenor, Schauspieler und Autor Øystein Wiik hat auf der Leipziger Buchmesse seinen neuesten Spannungsroman vorgestellt, in dem es um den Nationalhelden Martin Linge geht. Wiik erzählt weiter über die besondere Rolle des Osloer Opernhauses für seinen Anfang als Krimiautor – und was die Weltlage bei ihm auslöst. 

Øystein Wiik in der Schaubühne Lindenfels

Es sind erstaunliche Momente in der Schaubühne Lindenfels, dem zentralen Veranstaltungsort des Gastlands Norwegen außerhalb des Messegeländes: Der norwegische Operntenor und Romanautor Øystein Wiik schmettert die Zeile "To reach the unreachable star" aus dem Musical "La Mancha" in den großen und überfüllten Ballsaal. Der Song "The Impossible Dream" spielt eine Rolle in seinem aktuellen Buch "Linges Mission" (Pendragon). "Mein Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Er handelt vom norwegischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg, aber auch von großer Liebe, von Begebenheiten voller Mut und Entschlusskraft. Im Mittelpunkt steht unser Nationalheld und Freiheitskämpfer Martin Linge. Das Buch ist aber keine Biografie, dafür gibt es zu viele Lücken in Linges Leben. Ich habe die bekannten historischen Ereignisse mit Fiktion verwoben. Daraus ist eine Mischung aus Tatsachen- und Spionageroman entstanden."

Tod auf den Stufen des Ulvesund Hotels

Martin Linge lebte von Dezember 1894 bis Dezember 1941. Er ist Großvater des Schriftstellers Espen Haavardsholm, dessen Romanbiografie um Edvard Munch „Eine Liebe in den Tagen des Lichts“ (Osburg Verlag) auf manchmal ähnliche Weise Geheimnisse im Leben des Malers erforscht, wie Wiik im Leben Linges. Letzterer bildete 1940 in Großbritannien die ersten norwegischen Widerstandstruppen ("Norwegian Independent Company No 1", besser bekannt als "Kompani Linge") aus und stand in direktem Kontakt mit Winston Churchill. Der Angriff auf Svolvær 1941 war der erste alliierte Strandangriff im besetzten Europa. Im Dezember 1941 führte Linge das norwegische Kommando beim Angriff auf Måløy an, wurde aber auf den Stufen des Ulvesund Hotels in Måløy erschossen. Kronprinz Olav enthüllte 1946 einen Gedenkstein für Linge in Linges Heimatstadt Norddal in Sunnmøre.

Das abgebrannte Opernhaus

Die drängendste Frage des Publikums in der Schaubühne am Signiertisch: Wie kommt es, dass Øystein Wiik als Operntenor, Schauspieler und Komponist einen solchen Spannungsroman schreibt? "Singen und schreiben sind zwei Seiten derselben Medaille. Es werden Geschichten erzählt einerseits mit Musik, andererseits mit dem geschriebenen Wort. Für mich ist das kaum ein Unterschied. Ich mache schon lange beides." Sein Debüt in Deutschland war 2011 der Kriminalroman "Tödlicher Applaus" (dtv). Mitte der Nullerjahre wurde Wiik beauftragt, für die Eröffnungsvorstellung des neuen Opernhauses in Oslo ein Musical zu schreiben. Aber der Bau wurde nicht fertig. Die Aufführung verzögerte sich um über zwei Jahre, obwohl Wiik mit seinem Ensemble schon mitten in den Proben war. "Aber die Technik funktionierte nicht und der Intendant musste uns immer wieder vertrösten. Ich war so verärgert, dass ich am liebsten das Theater niedergebrannt hätte. Darauf sagte mir meine Frau, 'das kannst schon machen, aber tu es mit einem Stift.' Also schrieb ich meinen ersten Roman 'Tödlicher Applaus'. Er erschien gleichzeitig mit der Eröffnungsvorstellung. Im Buch brenne ich das Opernhaus tatsächlich ab", lacht Wiik.

Singen auf Deutsch

In Wiiks Familie war Kunst immer wichtig. "Meine Vater war Literat, meine Mutter sehr musikalisch. Mein Großvater mütterlicherseits hat zwei Jahre lange in Leipzig Komposition studiert. Andernfalls hätte er Medizin studieren müssen. Das hat er dann später auch getan. Aber im Herzen war er Komponist. Zudem hat er leidenschaftlich bis an sein Lebensende Cello gespielt. Als Arzt praktizierte er nur eine Stunde täglich. Bei uns zu Hause war Kunst immer sehr viel wichtiger als Geld. Zuhause lag ich als Kind unter dem Flügel und sagte, 'Mama, spiel etwas Schönes', und das musste etwas Romantisches sein. Deshalb hatte ich nie Zweifel, dass ich mich beruflich mit der einen oder anderen Kunstform beschäftigen würde. Also habe ich in Oslo an der Theaterhochschule studiert. Gesang stand im Mittelpunkt. Ich war von Anfang an von Schubert und Schuhmann fasziniert, habe also schon als Student auf Deutsch gesungen."

"Davon bekomme ich Alpträume"

Die Gegenwart erinnert Wiik an 1938: "Am 24. Februar 2022 war ich fertig mit meinem Roman. Damals habe ich gedacht, das in der Ukraine wird schnell vorbei sein. Aber dann ist ein neuer Mann auf der Bühne erschienen, Wolodymyr Selenskyj. Und er ist auch Schauspieler – wie Martin Linge. Der Zusammenhang in Linges Biografie zwischen seiner schwierigen Karriere als Schauspieler und seinen militärischen Fähigkeiten spielt in meinem Roman eine große Rolle. Und plötzliche sah ich in Selenskyj dieselbe Intensität, dieselbe Überzeugungskraft, und denselben Willen zum Sieg – so wie ich das alles detailliert bei Martin Linge beschrieben hatte. Und jetzt stehen wir wieder vor denselben Fragen wie damals: Sollen wir in den Krieg ziehen und unser Leben opfern? Aber wofür genau? Vielleicht schicken wir bald wieder viele unserer jungen Menschen an die Front?"

Wiik erinnert daran, dass Linge ein schlechtes Gewissen hatte, seine sehr jungen Kameraden, die noch Teenager und jünger als sein eigener Sohn waren, für den Krieg zu begeistern. Sein Kind blieb auf seinen Wunsche hin in Sicherheit und studierte. "Und heute sollen junge Menschen vielleicht bald wieder für ihr Vaterland fallen, sollen ihr Leben für die Freiheit Norwegens und Europas opfern? Wir sind heute wieder in derselben Situation wie Linge damals. Davon bekomme ich Alpträume."