Interview mit Astrid Böhmisch

"Das Prinzip Mikado gilt hier nicht"

31. März 2025
Nils Kahlefendt

Die Kraft, die Bücher entfachen konnten, sei deutlich zu spüren gewesen, meint Astrid Böhmisch, Direktorin der Leipziger Buchmesse. Im Interview zieht sie ihre persönliche Bilanz und betont, "die Publikumsmesse soll nicht zu Lasten der Fachveranstaltung boomen". 

Astrid Böhmisch am Pult

In den Bilanzen des letzten Jahres las man noch von einem deutlichen Plus, dem Anknüpfen an der Vor-Corona-Ära. Gemessen an dem, was wir jetzt sehen, war das business as usual – jetzt hat sich die Leipziger Buchmesse scheinbar neu erfunden. Was ist da passiert? 

Astrid Böhmisch: Man plant, hofft und konzipiert, der Ball liegt aber mit Messeröffnung bei den Besucherinnen und Besuchern, bei den Ausstellenden. Die Kraft, die Bücher entfachen konnten, war deutlich zu spüren. Wir haben Bilder gesehen, die die Branche in einem ganz anderen, hoffnungsvollen Licht stehen ließen. Trotz aller Widrigkeiten des Wirtschaftens ist das ein kraftvolles Signal auch an alle jenseits unserer Bubble: Schaut her, hier geht was! 

 

Zur Eröffnung im Gewandhaus sprachen Sie vom "wilden, schönen Durcheinander der Literatur" – ist es das, was wir die letzten vier Tage gesehen haben? Keine getrennten Reservate mehr für gesetzte Kritiker im Tweed und Farbschnitt-Addicts mit Laserschwert? 

Böhmisch: Ich weiß, dass die Buchmesse eine unglaubliche thematische Bandbreite abdeckt – und nicht alle Gruppen nehmen sich im Rest des Jahres so intensiv wahr wie hier. Hier sieht man sich – im besten Fall – als Leserin und Leser. Wir haben versucht, die Messe so zu konzipieren, dass man, sanft gelenkt, miteinander ins Gespräch kommen kann. Wir wollten nicht alles auf das dynamischste Feld, Young Adult, konzentrieren. Es gab großes Interesse auch für sehr herausfordernde, scheinbar randständige Themen. Die Branche braucht Dialog! Man kommt nicht weiter, wenn man im Status quo verharrt. Das Prinzip Mikado – wer sich zuerst bewegt, hat verloren! – gilt hier nicht. 

Über einem Podcast-Koffer im Gespräch

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Im Vorfeld haben Sie die neue Audiowelt und das Forum "Mensch und KI" stark in den Mittelpunkt gerückt – wie ist es gelaufen?

Böhmisch: Bei der Audiowelt hätten wir eigentlich eine doppelt so große Bühne vertragen können. Aber uns war wichtig, einen ersten Aufschlag zu machen, um dann zu entscheiden wie wir weiter skalieren. Wir müssen verstärkt darüber nachdenken, wie wir nicht-physische Angebote sinnlich erlebbar machen. "Mensch und KI" mag ein Trendthema sein – auf der anderen Seite ist es für viele Menschen noch sehr vage. Da haben wir Anknüpfungspunkte auf diversen Levels geschaffen: Von Panels, die mit Themen wie Copyright sehr eng an der Branche verortet waren, bis zu hochspannenden Diskussionen etwa um die Frage, wie durch KI heute schon Wahlen in Europa beeinflusst werden. Beide Cluster sind ausbaufähig, wie auch die Kooperation mit dem Literarischen Herbst. 

 

Wir sahen Sie sowohl bei der Kurt-Wolff-Preisverleihung wie auch beim Buchhandelstreff: Fühlen sich die kleineren Independents, die ums Forum "Die Unabhängigen" gruppiert sind, in Leipzig weiter gut aufgehoben? Oder etwas überfahren vom Event-D-Zug? 

Böhmisch: Letztlich profitieren auch die unabhängigen Verlage traditionelleren Zuschnitts von den gesteigerten Besucherzahlen und dem damit einhergehenden Interesse für spannende Geschichten, für Bücher, Autoren und Programme. So war auch das Feedback von kleineren ambitionierten Verlagen, die zum ersten Mal auf der Messe waren – auch wenn es auf der Fläche manchmal nicht so ganz einfach gewesen sein mag, sich zu behaupten. Man darf das Energiefeld eines Lesefests wie Leipzig nicht mit der Präsenz auf einer regionalen Bücherschau vergleichen. 

Der erhoffte und eingetretene Ansturm zeitigt auch unerwünschte Nebenwirkungen: "Bis man hier reinkommt", schrieb die "Bild"-Zeitung, "kann man noch einen Roman lesen". In den sozialen Medien war zeitweise dicke Luft. Gibt es – neben dem erstmals begrenzten Ticketverkauf für Messesamstag – schon Learnings in Sachen Logistik?

Böhmisch: Wir haben gleich an den ersten beiden Messetagen ein deutlich höheres Besucheraufkommen verzeichnet – das wich eklatant von 2024 ab. Wir haben darauf reagiert, und am Samstag und Sonntag die Messehalle früher geöffnet, was die Einlass-Situation etwas entlastete. Im Endeffekt müssen wir das Zugangs-Modell und unser Wegeleitsystem noch einmal gründlich runderneuern. Wir haben auch während der Messe reagiert und zwei zusätzliche Eingänge für Fachbesucher und Aussteller eingerichtet – auf die Belange dieser beiden Gruppen werden wir, wenn es an die Optimierung der Logistik geht, besonders achten. Die Publikumsmesse soll nicht zu Lasten der Fachveranstaltung boomen. Dazu gehört, dass man unter Umständen den Online-Vorverkauf noch etwas weiter limitiert…

 

Manche würden das für ein Luxus-Problem halten…

Böhmisch: Absolut. Aber wir müssen zweifellos neu justieren, vielleicht auch Veranstaltungsbeginn und Einlasszeiten noch besser abstimmen. 

 

MCC und Buchmesse wird es weiter nur im Doppelpack geben? 

Böhmisch: Sie bleiben zusammen. Wir haben heuer bei der MCC nach Aussteller-Anmeldungsbeginn eine Warteliste eingeführt, weil der Andrang zu groß war. Aber wir brauchen eine gute Balance etwa zwischen Ausstellern und Merch-Anbietern. Von letzteren könnten wir die dreifache Anzahl hineinlassen – aber dann ist es keine Buchmesse mehr! 

 

Wie kommen Sie nach diesem Adrenalin-Pegel wieder runter; im Sport spricht man ja vom Abtrainieren? 

Böhmisch: (lacht) Schön, dass Sie die Sportreferenzen aufnehmen. Diese Woche steht noch ganz im Zeichen organisatorischer Themen. Danach geht es tatsächlich in den Urlaub – etwas weiter weg, sehr reduziert… es wird der Frühling in der Wüste.

 

Haben Sie Wolfgang Büschers "Der Weg. Eine Reise durch die Sahara" im Gepäck? 

Böhmisch: Ich hab’ ihn mir vorgenommen. Glücklicherweise komme ich nach der Buchmesse wieder zum Lesen. 

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