Tilman Winterling über Legal Tech

Digitalisieren – und dann?

Wird die Arbeit der Kanzleien bald automatisiert von Onlinediensten erledigt? Medienrechtler Tilman Winterling über Legal Tech – und die Chancen, die sich daraus für Gründer ergeben. 

Tilman Winterling

Tilman Winterling © Gaby Waldek

Für Außenstehende steht – unter anderem – die Nutzung von Faxgeräten symbolisch für die Rückwärtsgewandtheit im Rechtswesen. Und auch wenn diese heute nur noch selten als Telefon mit integriertem Drucker und glitschig-glatt beschichtetem Endlospapier piepsend in Büros stehen, bleiben sie ein treffendes Bild. Die Erheiterung angesichts einer Kommunikationsform aus dem letzten Jahrtausend möchte man gar nicht mit Begründungen wie Formwirksamkeit und Fristwahrung trüben, aber nicht zuletzt die rechts­anwaltlichen Widerstände gegen die Einführung des "besonderen elektronischen Anwaltspostfachs" zeigen, dass innerhalb eines ganzen Berufsstands Ressentiments gegen Digitalisierung vorherrschen. Durch die Flure mancher Kollegen geistert daher nicht selten das Gespenst "Legal Tech": eine diffuse Vorahnung, man selbst würde bald abgeschafft und die bange Rechnung, ob man, bevor die Roboter kommen, die Leistungen des Versorgungswerks in Anspruch nehmen können wird.

Für juristische Verlage hieß Digitalisierung bisher meist nur, den papiernen Bestand online verfügbar zu machen. Die sich ergebenden Möglichkeiten, mit diesen Inhalten etwas Neues zu kreieren, scheinen aber in den vergangenen Jahren nicht einmal annähernd bedacht, und selbst wenn, bei Weitem nicht ausgeschöpft worden zu sein.

Selbstverständlich will man den Luxus brauchbarer Ergebnisse bei einer Recherche mit groben Schlagworten und Paragrafen nicht missen. Enttäuschend dagegen, dass man bei der Suche nach Rechtsprechung häufig erst Google bemühen muss, um dann die Volltexte in der Datenbank des juristischen Verlags abzurufen. Es liegen weiterhin Welten zwischen Möglichkeiten, Optik und Handhabbarkeit des privat genutzten Netzes, das immer personalisierter und intuitiver wird, und dem beruflich genutzten Netz, in dem man sich durch unübersichtliche Textwüsten kämpft, aus denen man Formulare kopiert, um deren Formatierung anschließend händisch anpassen zu müssen.

Der Vorsprung an "Content", den die an einer Hand abzuzählenden Branchenriesen haben, dürfte für kleine und mittelgroße Neustarter und Unternehmen vorerst kaum aufzuholen sein. Dazu kommt die Standardisierung von gewisser Literatur; ein seit Jahrzehnten anerkannter Kommentar ist in seinem Standing Neugründungen eben diese Jahre voraus. Das heißt aber bei Weitem nicht, dass es keinen Raum für Neugründungen im Bereich juristischer Verlage gibt, denn nach der Verfügbarmachung der Inhalte an sich klafft ein riesiges Loch.

Legal Tech muss dabei gar nicht heißen, dass Menschen komplett ersetzt werden – was in dieser Dimension momentan in etwa so wahrscheinlich ist wie fliegende Autos. Legal Tech wird zuallererst dem Rechtsanwender und nicht dem Rechtssuchenden helfen. Dafür müssen aber vorhandene Inhalte mit klugen Lösungen verbunden werden, dafür bräuchte es den Willen der großen Verlage, mit dem Berg an Wissen etwas anfangen zu wollen.

Erste Anbieter liefern bereits gute Vertragsmuster, die einfach zu individualisieren sind und über Schnittstellen in Textverarbeitung oder Kanzleisoftware integriert werden können. Nicht ausgeschlossen, dass agile Unternehmen behäbige Riesen überholen – der Vorsprung allein über die Inhalte dürfte schmelzen.

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1 Kommentar/e

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  • Claus Goldenstein

    Claus Goldenstein

    Ein guter Artikel, der leider nur einen sehr kleinen Ausschnitt der kommenden Möglickeiten darstellt. Es drängt sich hier der Gedanke auf, dass Legal-tech nur das hier Beschriebene ist, dabei umfasst es wesentlich mehr, wie z.B. Vertragsgeneratoren und Prozessabläufe! Schauen wir in den angelsächsischen Bereich, dann wissen wir, welche Möglichkeiten es geben wird

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