Kurzzeitig hat man hier im Süden gezittert, ob ein isländischer Vulkan nicht alles zunichte machen würde. Doch sie sind fast alle gekommen, die 25 deutschsprachigen Autoren, die anlässlich des 50. Jahrestags der Städtepartnerschaft zwischen Montpellier und Heidelberg eingeladen wurden, sich und ihre Bücher in den Mittelpunkt des Festivals zu stellen.
Die Organisatoren haben ein hochkarätiges Programm mit Lesungen und Diskussionsrunden auf die Beine gestellt, das dem vorwiegend französischen Publikum die aktuelle Literatur aus Deutschland, der Schweiz und Österreich näherbringen sollte. Judith Hermann, Hans-Ulrich Treichel, Alain Claude Sulzer und viele andere konnte man an den Ständen der Buchhändler antreffen. In den Pavillons am Rande der Messe war es dem routinierten Zusammenspiel von Moderatoren, Autoren und Schauspielern sowie der beeindruckenden Leistung der Übersetzer zu verdanken, dass die oft zweisprachigen Veranstaltungen nahezu reibungslos verliefen.
Die Übertragung in die fremde Sprache wurde bei diversen Veranstaltungen selbst zum Thema. Die Schriftstellerin Anne Weber behandelt die Thematik auf ihre ganz eigene Weise. Sie schreibt jedes ihrer Bücher erst in der einen, dann in der anderen Sprache. Als Übersetzerin in Paris hat sie früh mit der goldene Regel gebrochen, nur in die Muttersprache zu übertragen, und auch bei ihren Romanen zunächst mit der französischen Version begonnen. Inzwischen ist es andersherum, und ihre Protagonistin in Tous mes voeux muss den Lesern die doppelte Bedeutung von „aux yeux bleues“, blauäugig, im Deutschen erklären. Ihre Erschafferin ist eine Grenzgängerin, ein Typus, der insgesamt das Festival von Montpellier prägte. Anne Webers Lektorin Martina Wachendorff von Actes Sud, die tags darauf eine Hommage an den verstorbenen Autor W.G. Sebald vortrug, oder auch Jean-Yves Masson, der unter anderem Josef Winkler präsentierte, sind in beiden Sprachen beheimatet und setzen sich für die Wahrnehmung der Vielfalt deutschsprachiger Literatur ein. Masson, der bei der Vorstellung neuer Autoren in Frankreich stets mit der Frage konfrontiert wird: „Schreibt er wie Thomas Bernhard?“, sprach von Bäumen, die den Wald verbergen. In der von ihm bei Verdier betreuten Reihe „Doppelgänger“ findet man daher auch einen japanischstämmigen Autor, um die Plurinationalität der deutschsprachigen Literatur zu bezeugen.
Ein Grenz- oder eben vielmehr Doppelgänger ist auch Paul Nizon. Der Schweizer Autor lebt seit langem in Paris. Er gestand dem Publikum, dass er bisweilen Angst hatte, sein Instrument, die deutsche Sprache, zu verlieren, so fremd kamen ihm gerade die zusammengesetzten Wörter oft vor. Inzwischen glaubt er, dass das Französische sein Werk stilistisch bereichert. In diesem amalgamierten Stil liegt die Originalität seiner Tagebücher, die stark auf Beobachtungen während seiner Spaziergänge fußen. Die tatsächliche, körperliche Bewegung ist für ihn zur Voraussetzung für sein Schreiben geworden. „Je cours après mes phrases“, so Nizon, und dieses Hinterherlaufen bestimmt den Rhythmus seiner Texte. Es ist ein musikalisches Auf und Ab, eine stetige Veränderung des Tempos, das für Nizon den richtigen Klang erzeugen muss.
Musikalische Metaphern spielen auch für Matthias Zschokke eine wichtige Rolle. 2009 erhielt er als erster deutschsprachiger Autor den angesehenen Prix Femina. Im Gespräch mit Katja Petrovic beschrieb er, wie er auf seinen Reisen eine rhythmische Verwandtschaft zwischen sonst sehr unterschiedlichen Orten entdeckte. Der Rhythmus, nicht eine konstruierte Geschichte, begründet die nächste Seite, auch für den Leser. Auf sein Verhältnis zu Berlin angesprochen, das eine der Hauptkulissen seiner Texte darstellt, bezeichnete Zschokke die Stadt als „nackten Kaiser“ – ein Märchen, an das alle glaubten, in Wirklichkeit aber nirgends in dieser Form zu sehen sei. Berlin als literarisches Motiv – ein weiterer Schwerpunkt des Festivals: Zschokke konnte seine Sicht am Sonntag in einer gröβeren Runde darstellen. In der Debatte mit Marie-Luise Scherer, Zoran Drvenkar, Alban Lefranc und Volker Kutscher, die in ihren Werken alle Berlin als Topos aufgegriffen haben, stellten sich unterschiedlichste Wahrnehmungsweisen heraus. Lefranc sieht Berlin als Antithese zu Paris – er lebt in beiden Städten –, und gleichzeitig repräsentiert die Stadt für ihn den Gegensatz zu allen deutschen Klischees, die in Frankreich vorherrschen. In dieser „zone de la liberté“ habe sich ein freier und freiheitsliebender Geist festgesetzt. Berlin als „Nirgendwo“ und gleichzeitig als Quelle vielfältiger Mythen und Milieus, so konstruiere sich die Stadt als Aufhänger für vielfältige Geschichten.
Anders verhält es sich für die Autoren, die ihre Berlin-Romane historisch präziser einordnen und als Vertreter einer „Mauerfallliteratur“ am Samstag zusammenkamen. Wenig Zeit blieb dabei für die einzelnen Werke, doch Ingo Schulze, Maxim Leo, Marcel Beyer und Karsten Dümmel diskutierten über ihre Motivation, die diesen zu Grunde liegt. Während Dümmel in einen Konflikt mit der Staatssicherheit geriet, der bis zur Ausbürgerung führte, und Maxim Leo in seinem Roman die Geschichte der eigenen Familie aufarbeitet, richtet Marcel Beyer den Blick des externen Beobachters auf das Geschehen und schlussfolgert, ob nicht die Notwendigkeit des Kompromisses innerhalb einer Familie zum Einsturz fatalistischer Systeme führe. Dass auch nach der Abschaffung der offiziellen Grenze Differenzen zwischen Ost und West bestehen, dessen sei er sich sicher. Doch, wie Ingo Schulze meinte, auch der Westen baue sich auf Worten auf.
Grenzen mit Worten umschreiben, überschreiben – nicht ohne Grund wurde auf der sonnigen Wiese vor den Zelten Gérard de Nerval rezitiert: Er war der erste, der Goethes Faust ins Französische übersetzte; ein „passeur“, der sich für deutsche Literatur in Frankreich einsetzte. In Montpellier hätte es ihm gefallen.