Murmann will das Wirtschaftsbuch neu definieren

Wirtschaftsbuchnetzwerker

Murmann besinnt sich auf die Wurzeln des Verlegens und stellt Autoren ins Zentrum der Wertschöpfungskette. Durch ein Workshop-System sollen besondere Bücher entstehen, die mit digitalen Features angereichert und mit persönlichen Empfehlungen vermarktet werden. SUSANNE BROOS

© Murmann Verlag

So kann es also auch gehen. Die Lektüre des Buchs "Reframe it!" bietet nicht nur verdichteten Erkenntnisgewinn, sondern auch richtig großen Lesespaß. Die Herzen von Leserinnen dürfte zudem erfreuen, dass es weitestgehend in der weiblichen Form geschrieben ist, sodass es in dieser Wirtschaftswelt von Unternehmerinnen und Managerinnen nur so wimmelt. Wer ein Problem mit der sprachlichen Übermacht des Weiblichen hat, solle, so die Empfehlung der Verfasser, das Buch zur Seite legen, auf sein Pferd steigen, ins nächs­te Dorf reiten und bei der Pfarrerin eine förmliche Beschwerde einlegen. Sie werde dann ihre beste Botin schicken, die "uns Ihre Besorgnis persönlich darlegen wird".

Die durchaus auch zur Selbstironie fähigen Brüder Hinnen & Hinnen dürften "Content-Initiatoren" ganz nach dem Geschmack des Murmann Verlag sein. Seine Autoren so zu bezeichnen, soll nicht hip daherkommen – na ja, vielleicht ein bisschen. Es ist vor allem einer Entwicklung geschuldet, die der Murmann Verlag gerade durchläuft. "Wir sind vor zwei Jahren angetreten, das Geschäftsmodell 'Wirtschaftsbuch' neu zu definieren", sagt Peter Felixberger selbstbewusst, "und widmen uns diesem Prozess mit voller Leidenschaft." Auslöser waren sich verändernde Rahmenbedingungen, "Kränkungen des Markts", wie der Murmann-Programmgeschäftsführer sie nennt. Nämlich einerseits, dass Wirtschaftsbuchkunden kaum noch Zeit finden, in eine Buchhandlung zu gehen, und andererseits immer weniger Wirtschaftstitel in den klassischen Medien besprochen werden. Zudem erschien es sinnvoll, eine auf den Buchmarkt ausgerichtete Infrastruktur zu hinterfragen, wenn "der geregelte Zugang kleiner mittelständischer Verlage in den Markt zunehmend schwierig wird".

"Deswegen", so Felixberger weiter, "haben wir uns entschieden, jeden Stein umzudrehen und zu schauen, ob er passt oder nicht." Ausgangspunkt war die Frage: "Wer ist eigentlich unser Kunde?" Die Antwort führte, kurz gefasst, dazu, dass man sich beim Murmann Verlag – der eine Verlagsmarke von Murmann Publishers ist und sich als klein, innovativ und originell positioniert – auf die "Kernkompetenz des Verlegens besonnen" hat. "Wir haben begonnen, in einem Workshop-System gemeinsam mit Autoren Bücher zu entwickeln, Inhalte zu generieren", erklärt Felixberger.

Bücher entstehen nun auf zwei Wegen. Es gibt sogenannte Schaufenstertitel bekannter Autoren. Sie zahlen vor allem auf die Marke ein und durchlaufen das neu entwickelte Workshop-System zumeist nicht. Die neue Beratungsleistung hingegen richtet sich an potenzielle Autoren. Scheint eine Idee in den programmatischen Vierklang Innova­tion, Digitalisierung, Kreativität und neues Management zu passen, beginnt der gemeinsame Prozess. Von der Idee zum fertigen Buch (das durchaus auch ein Schaufenstertitel werden kann) begleitet wird der Autor, sprich Content-Initiator, von einem Team, das aus Felixberger und Cheflektor Olaf Meier sowie fünf freien Mitarbeitern besteht. Auch andere Abteilungen sind von Beginn an in den Entstehungsprozess miteinbezogen. Jedes Buch wird wie ein Unikat behandelt und mit einer auf die identifizierte Zielgruppe zugeschnittenen Strategie bedacht. Die derzeit dreiköpfige Herstellungs- und Grafikabteilung nutzt das ganze Arsenal an Möglichkeiten, um dem Buch sein passendes Gesicht zu geben.

"Reframe it" schmeichelt der Hand mit seiner Moleskine-Ausstattung, das "Digital Innovation Playbook" von Dark House Innovation erleichtert das Arbeiten durch großzügige Visualisierungen, der Titel "Transformation. Bamm!" von Dietmar Dahmen und Marcus Bond wird durch ein Augmented-Reality-Feature ergänzt. Ein "Smart­link"-Button führt beispielsweise zu Erklärvideos zum smarten Haushalt, und das Buch selbst wird ein Beispiel für Transformation und die Rückkopplung der publizierten Themen in den Verlag. Wann immer es sich anbietet, sollen auch im kommenden Programm ausgewählte Titel mit zusätzlichen Features angereichert werden. Das IT-Know-how dazu wird zum Teil extern zugekauft, zum Teil ist die digitale Entwicklung aber auch an den Verlag angedockt.

Ökonomisch bietet das Workshop-System für Murmann den Vorteil, dass die "Wertschöpfung ganz nach vorne gepackt" wurde, so Felixberger. Zugleich entsteht eine Empfehlungskultur. Sprich: Autoren empfehlen den Verlag weiter – und machen ihr Werk über ihre Kanäle bei ihren Unternehmenskunden bekannt. Ein Netzwerk, das sich immer weiter in die Wirtschaftswelt verästeln und somit zugleich die Reichweite der Titel erhöhen soll.

Der Direktverkauf ist mittlerweile das größte Standbein des Murmann Verlags. Gefördert auch durch einen speziellen QR-Code in den Büchern, auf Werbemitteln und online. Die dahinterliegende, von der Murmann Publishers Gruppe entwickelte Software pblsh ermöglicht es, Bücher unkompliziert direkt beim Verlag zu bestellen. Einen verkaufsfördernden Effekt dürfte auch das neue "Murmann Magazin" (murmann-magazin.de) haben. Denn es verlängert die Themen des Verlags ­multimedial durch Content-Marketing. Ebenfalls neu: die ­Pocket-Reihe X-Books, die Inhalte ausgewählter Bücher auf 100 Seiten auf den Punkt bringt – und Lust machen soll auf das ausführliche Werk. Zudem bietet es sich als Werbemittel für die Autoren an. Darüber hinaus wurde vor Kurzem die Reihe Murmann Management Series ins Leben gerufen, die wichtige Titel auch in englischer Sprache publiziert und andere Zielgruppen erreichen soll – damit sich der Umsatzbaum des Verlags noch weiter verzweigt.

Der Transformationsprozess ist längst noch nicht abgeschlossen. Aber: "Wir haben einen neuen Weg gefunden, auf dem wir überlebensfähig sind." Davon ist Felixberger überzeugt. Die Umsatzzahlen scheinen ihm Recht zu geben. Für die vergangenen Jahre meldet der Verlag ein zweistelliges Wachstum, mit 30 Buchprojekten in der Pipeline wird 2018 ein weiterer Umsatzsprung angestrebt.

Felixberger würde den Verlag gern als Teil einer Bewegung sehen und gemeinsam mit allem Marktteilnehmern ein innovatives, zukunftsfähiges Geschäftsmodell "Wirtschaftsbuch" vorantreiben. Erste Maßstäbe wurden in Hamburg ja bereits gesetzt.

Programmgeschäftsführer Peter Felixberger

Programmgeschäftsführer Peter Felixberger © Murmann Verlag

Verleger Sven Murmann

Verleger Sven Murmann © Murmann Verlag

Murmann Publishers



  • Gegründet: 2004

  • Imprints: Murmann, Wachholtz, Kursbuch

  • Sitz: Hamburg

  • Geschäftsführung: Sven Murmann, Peter Felixberger

  • Novitäten: bis zu 40 Titel jährlich

  • Website: www.murmann-verlag.de

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