Mehr Aufmerksamkeit durch Storytelling

Von Grund auf anders

Thementische im Buchhandel dürfen nicht nur plakative Deko liefern, meint Angelika Niestrath. Sie wirbt dafür, die Sache subtiler anzugehen – bildhafter, emotionaler, tiefgründiger. Ihr Rezept: Storytelling.  

Angelika Niestrath

Angelika Niestrath © privat

Nur noch wenige Tage, dann rollt er wieder los, der Coca-Cola-Weihnachtstruck – durch ein dunkles, tief verschneites Land. Sehen Sie es vor sich, wie er im Vorbeifahren die Menschen bezaubert, wie freudig ihre Gesichter aufstrahlen? Wahrscheinlich haben Sie sogar die Musik dazu im Ohr, selbst wenn Sie persönlich schon seit der fünften Klasse keine Cola mehr anrühren. Der Trick heißt Storytelling: emotionales "Auf­laden" einer Marke durch eindrückliche Geschichten, die uns im Gedächtnis bleiben, ob wir wollen oder nicht.

Ein billiger Marketing-Gag? Was, wenn im Fokus der Geschichte kein banaler Softdrink steht, sondern etwas viel Gehaltvolleres, von dem zu erzählen sich wirklich lohnt – zum Beispiel Literatur? Bezogen auf die Buchhandelspraxis kann Storytelling bedeuten, dass wir einzelne Titel in Szene setzen, um Kunden dafür zu begeistern; wir können von interessanten Autoren erzählen, von engagierten Verlegern, legendären Reihen oder Themen, die uns persönlich berühren – allerdings nicht im Sinne handels­üblicher "Themenwelten". Eine Schubkarre voll Gartenratgeber, umgeben von grünen Geschenkartikeln und Kräutertöpfen, ist noch kein Storytelling, sondern plakative Dekoration, wie sie jedes Geschenkehaus wenigstens ebenso gut hinbekommt. Es ist übrigens kein Wunder, dass auch Modeboutiquen und Concept Stores sich immer öfter mit Literatur schmücken: In Zeiten galoppierender Oberflächlichkeit sind Bücher höchst attraktive Imagebotschafter, mit denen sich Persönlichkeit und inhaltliche Tiefe demonstrieren lassen – Werte, die der Buchhandel besser für sich selbst nutzen sollte.

Morioka Shoten ist eine Buchhandlung in Tokio, die auf kleinstem Raum immer nur einen einzigen Titel anbietet. Das wöchentlich wechselnde Angebot wird jeweils von einer Ausstellung begleitet, die durch das aktuelle Buch inspiriert ist. Inhaber Morioka hat damit seinen Traum von der idealen, ganz auf Inhalt konzentrierten Buchhandlung wahr gemacht. Sein Laden erzählt nicht nur von grundlegenden Buchhandelsqualitäten wie Originalität, Individualität, Sinnhaftigkeit – er kreiert auch eine einzig­artige ­Unternehmenslegende, die sich weltweit im Internet verbreitet hat und tatsächlich Neugierige aus aller Welt anzieht.

Lässt sich das, vielleicht etwas weniger idealistisch, auf deutsche Buchhandelskonzepte übertragen? Das geht. Um beim Thema zu bleiben: Nehmen wir den Roman "Herr Origami" von Jean-Marc Ceci (Hoffmann und Campe) – die Geschichte eines Japaners, der seiner großen Liebe nach Italien folgt und, als er sie nicht findet, den Rest seines Lebens in toskanischer Abgeschiedenheit mit der Herstellung japanischen Papiers verbringt. Fast zeitgleich ist Marion Poschmanns Werk "Die Kieferninseln" (Suhrkamp) erschienen: über eine Suche in umgekehrter Richtung.

Beide Romane auf einem Tisch, ergänzt durch Texte des Dichters Basho, die in Poschmanns Buch eine Rolle spielen; schon werden Beziehungen sichtbar, die an gleich mehreren Enden anregende Funken schlagen. Unterstützend wirkt ein schön präsentiertes handschriftliches Zitat, und für die visuelle Fernwirkung kann über dem Tisch ein Schwarm Origamikraniche auffliegen – vielleicht in Richtung des nächsten Tischs, auf dem Sten Nadolnys "Zauberer" (Piper) sich gerade in einen Vogel verwandelt ...

Für den Anfang reicht es, an geeigneter Stelle im Laden eine Bühne zu definieren, auf der wechselnde Inszenierungen stattfinden. Entscheidend ist, dass wir – alle Buchhändler – die Schub­karren künftig beiseitelassen und uns trauen, visuelle Geschichten zu erfinden – wie nur wir sie erzählen können.

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