Podium "Die Zukunft des Buchmarkts"

Am Ende der Lesekultur?

Wie geht es dem Buchmarkt und welche Zukunft hat er? Diese Fragen lotete gestern Abend ein Podium in der Evangelischen Akademie Frankfurt aus – und verfiel weder in Schwarzmalerei noch in optimistische Selbsttäuschung. Eingeladen hatte das Kulturamt der Main-Metropole.      MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Es diskutierten: Martin Lüdke, Heinrich Riethmüller, Siv Bublitz, Jörg Sundermeier, Claus-Jürgen Göpfert (von links)

Es diskutierten: Martin Lüdke, Heinrich Riethmüller, Siv Bublitz, Jörg Sundermeier, Claus-Jürgen Göpfert (von links) © Rainer Rüffer

Die düsteren Farben, in die manche Feuilletons die Situation der Buchbranche tauchen, konnten sich auf dem gestrigen Podium in der Evangelischen Akademie nicht durchsetzen. Aber es gab auch keinen Grund für die Anwesenden, ein rosiges Bild der Lage zu zeichnen. „Weder als Endzeitbeschwörer noch als Schönredner“, so die Initiatorin der Veranstaltung, Frankfurts Literaturbeauftragte Sonja Vandenrath, wollten sich daher die Teilnehmer des Podiums betätigen, sondern ein paar Schneisen in das Wimmelbild der Fakten schlagen.

Siv Bublitz, Programmgeschäftsführerin von S. Fischer, Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller, der Literaturkritiker Martin Lüdke und der Verleger Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) versuchten, die Lage des Buchmarkts zu diagnostizieren. Sandra Kegel, die die Debatte um die Zukunft des Buchs Ende September mit einem Leitartikel in der "FAZ" angestoßen hatte, konnte an der Diskussionsrunde nicht wie geplant teilnehmen. Moderator Claus-Jürgen Göpfert (Frankfurter Rundschau) zitierte aus Kegels Text, in dem nicht nur in Bezug auf die Umsatz- und Leserzahlen, sondern erst recht auf die Verfassung des Buchhandels und die gesellschaftliche Rolle des Buchs selbst die Endzeittöne überwogen. Kegel hatte in ihrem Text unter anderem behauptet, anspruchsvolle Prosa, die von der Kritik gefeiert werde, werde heute bisweilen nur zweitausendmal verkauft, während sie früher ein breites Publikum erreicht hätte. „Hat das Buch also seine Rolle als Medium gesellschaftlicher Auseinandersetzung eingebüßt?“ lautete eine der Kardinalfragen. Es war nun nicht so, dass sich auf der strahlend weißen Wand des Großen Saals der im Sommer eröffneten Evangelischen Akademie ein schwarzes Menetekel abzeichnete – aber Stoff für kritische Fragen boten insbesondere die schwindenden Käufer- und Leserzahlen allemal.

Kein Grund zur Dramatisierung

Doch wie ist denn der Befund? Heinrich Riethmüller räumte ein, dass das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr noch nicht so gut angelaufen sei – es aber wegen eines fehlenden Verkaufstags ohnehin kürzer sei als im Vorjahr. Dass die Buchbranche im Abwärtstrend sei, könne er aber weder als Vorsteher noch als Buchhändler unterschreiben. Der Branchenumsatz sei trotz Digitalisierung und Amazon seit Jahren mit rund neun Milliarden Euro recht stabil, deshalb gebe es nichts zu dramatisieren.

Was Vertreter an apokalyptischen Vorboten aus dem Buchhandel zu berichten wüssten – darauf wollte Siv Bublitz nicht viel geben. Natürlich sei es für die Vertreter schwierig, wenn auf ihrem Rücken der Verdrängungswettbewerb der Verlage ausgetragen würde, und Buchhändler immer zögerlicher bei Vorbestellungen würden.

Martin Lüdke, der die Buchkultur seit Jahrzehnten beobachtet, meinte, er habe die kritischen Begleiterscheinungen früher nicht in dem Maße beobachtet wie heute. Vor allem die Lage der Literatur und ihrer Autoren habe sich deutlich verschlechtert. Es gebe zwar heute mehr Lesungen, dafür sinke die Zahl der verkauften Bücher, was Siv Bublitz bestätigte. Insgesamt teilt sie die positive wirtschaftliche Einschätzung Riethmüllers.

Problematisch sei allerdings die Abwanderung der Leser. Eine aktuelle Studie spreche von einem Verlust in einer Größenordnung von sechs Millionen seit 2012 – offenbar Konsumenten, die zu anderen Unterhaltungsangeboten abgewandert seien (Stichwort „Netflix“). Außerdem, so Bublitz, seien durch das Aus für die meisten Buchclubs Leserschichten weggebrochen.

Ein gesellschaftliches Problem

Jörg Sundermeier warnte davor, sich etwas in die Tasche zu lügen. Auch wenn es dem Verbrecher Verlag gar nicht so schlecht gehe, habe man dieses Jahr bis Oktober „sehr bedröppelt“ dagestanden. „Der September war katastrophal“, so Sundermeier. Traditionsreiche Geschäfte wie die Schiller-Buchhandlung in Stuttgart schlössen, ohne dass ein Nachfolger gefunden werde. In Ostdeutschland gebe es große Flächen ohne Buchhandlung. Die wegbrechenden Käufer würde auch der Internethandel nicht auffangen. Sundermeier zieht den Kreis weiter: „Wir haben es hier nicht mit einem Problem des Buchhandels zu tun, sondern mit einem gesellschaftlichen Problem.“ Martin Lüdke sprach von einer „strukturellen, langfristigen Veränderung“: Der Distinktionsgewinn, den man sich früher von Kultur und Literatur versprach, habe drastisch an Bedeutung verloren. Womöglich, so Lüdkes These, stünden wir am „Ende der Epoche der Lesekultur“.

Natürlich, gab auch Siv Bublitz zu bedenken, schrumpften die „intellektuellen Resonanzräume“. Dafür entstünden im Netz Literatur-Communitys wie Goodreads oder Lovelybooks, auf denen sich Hunderttausende Literaturfans träfen. Ob die Feuilletons ihre Rolle, Literatur zu vermitteln, noch richtig nutzten, sei die Frage. Und ob sie damit noch einen Resonanzraum herstellen oder eine Echokammer.

Was tun angesichts eines solch komplexen Befunds? Lesen an Schulen fördern. Genau untersuchen, wie viele und welche Leser man verliert. Neue Wege zu den Lesern finden, auch mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Und vor allem nicht die Hoffnung verlieren, dass Literatur bleibt – als „etwas Existenzielles“ (Siv Bublitz).

Dass nicht nur literarische Verlage zu kämpfen hätten, sondern auch kleine und mittlere Wissenschaftsverlage – daran erinnerte Verleger Vittorio E. Klostermann aus dem Publikum. Weltweit gelockerte Urheberrechtsregelungen und die Kostenlos-Mentalität bei Studenten machten den Verlagen das Leben schwer.

Die Antworten auf Göpferts Schlussfrage, wie denn der Buchmarkt in zehn Jahren dastünde, fielen divergent aus. Während Lüdke prophezeite, dass sich die Rahmenbedingen drastisch verändern würden, forderte Bublitz, dass es auch künftig einen stabilen Rahmen für die Branche geben müsse – damit Buchhandlungen und Verlage ihre Unabhängigkeit bewahren könnten. Heinrich Riethmüller schloss sich ihr an, indem er ein Einspringen des Staates ablehnte. Es gelte, Öffentlichkeit für das Buch herzustellen, junge Leute und Studenten zu gewinnen. Und jungen Menschen die Schwellenangst vor dem Betreten einer Buchhandlung zu nehmen, so Sundermeier. Sein abschließender Appell: "Die Bibliodiversität hochhalten!"

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2 Kommentar/e

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  • Thomas Hofmann

    Thomas Hofmann

    Hallo boersenblatt,
    hallo MICHAEL ROESLER-GRAICHEN,

    darf ich fragen, wieso "trotz Amazon"? Bietet nicht auch Amazon prinzipiell jedem Autor die Möglichkeit, sein Buch elektronisch zu vertreiben? Erweiternd dazu weitere Fragen:

    a) Was steht dem entgegen?
    b) Welche Alternativen für ebooks sehen Sie neben Amazon?
    c) Welche Möglichkeiten gibt es, die ebooks der Alternativen im Kindle Reader zu lesen (Formate wie z.B. PDF, mobi, epub usw.)?

    Danke vorab und freundlicher Gruß

  • Sonja

    Sonja

    Als Leserin kann ich nur sagen, dass ich eBooks, die ohne Korrektorat im Eigenverlag elektronisch publiziert wurden, nicht lese. Dafür sind meine Ansprüche an einen guten Text zu hoch.
    Das Problem steckt meines Erachtens auch darin, dass die Verlage zu spät auf den digitalen Wagen aufgesprungen sind. Heute suchen LeserInnen Onlinecommunities, wollen nicht mehr nur für sich im Stillen lesen, sie suchen Kontakte zu Gleichgesinnten, wollen sich austauschen und ihr Buch nicht nur erleben sondern auch leben. Hier hätten Verlage über entsprechende Netzwerke nachdenken müssen.
    Letzten Endes verliert das Buch aber vermutlich zu viele LeserInnen an Netflix und Co. Es ist einfacher, eine Serie zu konsumieren, als sich auf ein Buch einzulassen.

    • ...

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