Manga im Buchhandel

"Jedes Vollsortiment sollte eine Abteilung haben"

Manga im Buchhandel, was gibt es zu beachten? Wir haben uns unter Buchhändlern und Vertriebsexperten umgehört.

Manga-Regal bei LüneBuch in Lüneburg

Manga-Regal bei LüneBuch in Lüneburg © LüneBuch

Kai-Steffen Schwarz, Carlsen Verlag

Kai-Steffen Schwarz, Carlsen Verlag © privat

Kai-Steffen Schwarz, Leiter Abteilung Manga, Carlsen

"Der Standort spielt eine entscheidende Rolle: Vor der Überlegung, wie ich eine Manga-Abteilung aufbaue, steht die Frage, wie groß ich das Thema setzen kann. Als Vollsortiment in einer Kleinstadt oder mit einer Filialbuchhandlung oder Comicladen in unmittelbarer Nachbarschaft werde ich weniger Regalfläche bereitstellen. Wenn die Voraussetzungen stimmen, sind aus meiner Erfahrung 4 bis 5 Regalmeter aber nicht zu viel. Der Takt der Neuheiten ist groß – rund 80 bis 90 Neuheiten pro Monat kommen heraus. Wenn ich als Händler bei der jungen Zielgruppe ernst genommen werden will, muss ich 'meine' Neuheiten sofort präsentieren – dabei einfach nur auf drei Erfolgsreihen zu setzen, ist aber zu wenig. Experimente lohnen sich.

Nur mit den Novitäten braucht man aber gar nicht antreten: Es ist sehr wichtig, auch die ersten Bände starker Reihen dauerhaft zu führen, um Neueinsteiger abzuholen – ein Phänomen, das es im Jugendbuch ja genauso gibt. Belohnt werden Händler mit den Vorzügen eines Fortsetzungsgeschäfts und beratungsarmem, saisonunabhängigem Umsatz.

Die Zielgruppe – nach meiner Schätzung zu 60 bis 65 Prozent weiblich und größtenteils zwischen 12 und 20 Jahren − ist wahnsinnig gut informiert und vernetzt. Man muss aber keine Angst haben, nicht Auskunft geben zu können: viele Manga-Leser sind in der Regel besser informiert als der Händel oder als der Verlag! Auskunftsbereit und offen zu sein, genügt. Wichtig dabei ist, als Händler diese Leser und ihr Lieblingsmedium genauso ernst zu nehmen wie andere Kunden − denn sie lesen nicht nur Manga, sondern sind oft auch an anderen Erzählformen interessiert: vom Fantasy-Roman über Kinofilme bis zu TV-Serien. Es gibt also immer wieder auch Überschneidungspunkte für ein breiteres Publikum, mit TV-Ecken oder sogar Krimis.

Zu Beginn der 2000er-Jahre wurde der Hype um 'Sailor Moon', 'Dragon Ball' und 'Pokemon' noch belächelt, nach dem Motto 'das geht vorbei' – über die Jahre hat sich gezeigt, dass der Manga-Markt kontinuierlich gewachsen ist, das Angebot differenziert sich inhaltlich immer weiter aus. Das will angesichts der aktuellen Börsenvereinsstudie zum Käuferschwund schon etwas heißen! Über verlagsunabhängige Plattformen wie comicforum.de, in Online-Medien und auf Events kommunizieren die Fans fleißig. Auf Streamingportalen wie Watchbox, Crunchyroll und Netflix sowie durch TV-Ausstrahlungen werden auch immer mehr Anime zu Erfolgstiteln, die medienübergreifend durchexerziert werden.

Buchhändler, die eine neue Manga-Abteilung aufbauen, sollten unbedingt sichtbar mit Fenstern und Novi-Tischen auf das Angebot aufmerksam machen und sich informieren, ob es Manga- oder Cosplayer-Fanclubs in der Region gibt. Ein Flyer mit dem Hinweis, dass nicht im Laden verfügbare Titel über Nacht besorgt werden können, ist hilfreich. Aktionen wie Zeichenwettbewerbe schaden auch nicht. Nicht nur unsere Vertriebler erhalten öfter entsprechende Anfragen aus dem Handel und beraten gerne – wir bieten Buchhändlern ohne Manga-Vorkenntnissen auch eine Informationsbroschüre zum Thema an." 

Martina Thuneke, LüneBuch in Lüneburg

Martina Thuneke, LüneBuch in Lüneburg © Donald Priebsch

Martina Thuneke, LüneBuch zur neuen Manga-Abteilung

"Für unsere neue Manga-Abteilung haben wir ein großes Regal in Auftrag gegeben. Die Abteilung findet sich jetzt nicht mehr im unmittelbaren Kinderbuchumfeld, sondern in einem eigenen Bereich, wo man für sich sein kann. Das war von uns bewusst so gewollt: Als wir Manga ins Sortiment aufgenommen haben, hat sich die Nachfrage sehr gut entwickelt, aber wir mussten uns bei der Titelauswahl auf Stoffe für ein jüngeres Publikum konzentrieren, weil Eltern sich beschwert hatten. Das Problem haben wir gelöst, in dem wir Titel ab 16 Jahren in den oberen, roten Regalböden einsortieren. Unsere Kunden kennen das Farbleitsystem genau. Unsere Hauptzielgruppe reicht von den 12-jährigen bis zu Mitzwanzigern, sogar einige gestandene Erwachsene kommen regelmäßig.

So geht Manga: das Regal bei Lünebuch trennt Titel ab 16 (roter Bereich) und für jüngere Leser (grün)

So geht Manga: das Regal bei Lünebuch trennt Titel ab 16 (roter Bereich) und für jüngere Leser (grün) © Lünebuch

Was die Bestückung angeht, arbeiten wir seit Mitte 2015 mit dem Carlsen Category Mamangement zusammen, das bspw. die Neuerscheinungen bei Kazé und Tokyopop abdeckt. Das Sortiment ergänzen wir mit Neuerscheinungen anderer Verlage. Carlsen schickt für uns maßgeschneiderte Bestellvorlagen − aber ich sehe täglich in die Zahlen rein, Reihen die gar nicht laufen, sortieren wir schnell aus. Eine engmaschige Kontrolle ist unumgänglich, dafür macht die Abteilung ansonsten wenig Arbeit: Wir räumen wenig um, denn die Interessenten wissen genau, was sie suchen. Manchmal fragen ganze Gruppen nach bestimmen Reihen. Neuerscheinungen stellen wir auf Sicht, um das Interesse zu entfachen. Leseproben und Material der Verlage legen wir griffbereit zum Mittnehmen aus."

Thomas Schüller, CrossCult

Thomas Schüller, CrossCult © privat

Thomas Schüller, Vertriebsleiter Comic bei CrossCult:

"Da das Thema Manga einige Besonderheiten im Buchhandel beinhaltet, ist es verständlich, dass viele Buchhändler lieber Vorsicht walten lassen. Den Bereich zu vernachlässigen wäre allerdings ein Fehler. Wer sich ein wenig Hintergrundwissen erarbeitet, wird schnell belohnt.

Zunächst einmal ist Manga nicht gleich Manga. Neben den bekannteren Standard-Manga gibt es auch Großformate, Hardcover, Zeichenschulen und vieles mehr. Eine gute Manga-Abteilung sollte neben dem Standard auch immer das Besondere im Blick haben, da Manga nicht nur ein Genre, sondern vor allem eine Leidenschaft ist. Deshalb sind auch Aktionen mit Fanartikeln und verwandten Themen wie Zeichnen oft erfolgreich und zeigen, dass Manga ein aufregendes und vielseitig bespielbares Thema ist. 

Nahezu jeder Manga lässt sich in eine Kategorie einordnen (Action, Fantasy, Romance…), nach der Kunden auch gezielt suchen. Die Gliederung im Regal muss also diesen Kategorien folgen und sollte gut sichtbar sein. Wir erleichtern Buchhändlerin die Sortierung, indem wir die jeweilige Kategorie unserer Mangas auf deren Rückseite ausweisen.

Manga sind eines der schnelllebigsten Sortimente im Buchhandel, deshalb sind neben den Longsellern vor allem Novitäten und deren bestmögliche Präsentation besonders wichtig. Hier sollten Verlagsvorschauen nie auf die lange Bank geschoben und Newsletter beachtet werden. Wir wissen, wieso wir gerade in diesem Bereich die schnellere Online-Kommunikation so schätzen. Trends tauchen oft fast über Nacht auf, können aber ebenso schnell vorbei sein.

Buchhandlungen ohne Vorkenntnis rate ich, sich bei der Erstgestaltung einen Verlag an die Seite zu nehmen. Wir unterstützen gern bei der individuellen Auswahl von Long- & Bestseller-Reihen, Neuerscheinungen sowie Toptiteln, bringen fachliches Knowhow mit und helfen bei den ersten Fragen wie 'Welche Größe der Abteilung ist für meine Buchhandlung passend?' und 'Möchte ich mich vielleicht sogar spezialisieren?'. Wer zum Beispiel eine gut laufende Comic-Abteilung hat, muss sich vor kostspieligen Sonderausgaben im Manga-Bereich nicht scheuen. Außerdem gewinnt man auf diese Weise gleich einen Partner, der die eigene Aufstellung schon kennt und bei zukünftigen Fragen spezifischere Antworten und Hilfestellungen liefern kann. Auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Buchhandlungen kann oft neue Impulse setzten, kreativ an das Thema Manga heranzutreten."

Kann Comics: Dirk Niewöhner, Buchhandlung Kottmann

Kann Comics: Dirk Niewöhner, Buchhandlung Kottmann © Buchhandlung Kottmann

Dirk Niewöhner, Buchhandlung Kottmann, Gelsenkirchen

"Wir haben eine große Comic- und Manga-Ecke, die wir vor einigen Monaten auf 30 Quadratmeter ausgebaut haben. Wir verkaufen durchaus, aber ich weiß, dass viele Kids lieber ins anonyme Buchkaufhaus rennen, obwohl unsere Auswahl viel besser ist. Während Comics für uns fast ein reines Männerthema sind, liegt der Anteil von Mädchen an den Manga-Käufern bei 70 Prozent. Das ist nicht überraschend. Wir kämen aber nicht auf den Gedanken, die Abteilungen auseinanderreißen – sie gehören einfach zusammen. Aus meiner Zeit als Vertreter weiß ich, dass das Thema auch in den kleinsten Buchhandlungen funktioniert und sich ein Versuch eigentlich immer lohnt. 

Comics und Manga in der Buchhandlung Kottmann

Comics und Manga in der Buchhandlung Kottmann © privat

Natürlich ist für Buchhändler das Thema oft erst einmal fremd, aber meiner Meinung nach gehören Manga in jedes Vollsortiment, die Kids sind in der Regel ja alles andere als beratungsintensiv: Wer redet denn in dem Alter freiwillig mit jemanden, der locker der eigene Papa oder die Mutter sein könnte? Hilfreich sind darum Flyer mit dem Hinweis, dass man auf den nächsten Tag alle Wunschtitel besorgen kann. Für den Handel nützlich ist eine Beratung durch die Verlage, dass es sechs bis neun Monate Valuta gibt und sich unverkäufliche Titel problemlos remittieren lassen. Der einzige Grund, sich als Vollsortimenter gegen Manga zu entscheiden, ist dass man weniger Umsatz machen möchte. Dann kaufen die jungen Leute eben im Internet."

Lasse Weiss, Buchhandlung Sedlmair, Georgsmarienhuette 

"Unser Manga-Bereich ist gewachsen, die Erscheinungsfrequenz ist einfach sehr groß. Wenn wir unsere Geschäftsräume vergrößert haben, werden wir auch regelmäßig Manga-Tische bespielen. Wenn bei Manga nach einer Beratung gefragt wird, handelt es sich meiner Erfahrung nach eher um Eltern oder Großeltern, die sich informieren wollen. Die größte Herausforderung besteht darin, immer den Überblick zu behalten: Wer kauft welche Reihen und entsprechende Novitäten auch vorrätig zu halten. Die Remiquote ist höher, bis zu 20 Prozent gehen zurück, aber wenn man bedenkt, wie schnell die Reihen sich 'drehen', dann ist das auch kein Wunder. Überraschungen gibt es selten, das Geschäft läuft klassisch über Fortsetzungen. Manchmal erleben wir einen überraschenden 'Push', wenn ein bekannter Zeichner eine neue Reihe startet. Was wir gelernt haben? Früher haben wir die ersten sieben Bände einer Reihe im Laden geführt, heute beschränken wir uns auf die ersten drei und die neuesten beiden. Als Händler muss man schon den Mut haben, Reihen auszumustern, die nicht gut laufen und den Platz anderweitig zu nutzen. Es spricht sich im Klassenzimmer schnell rum, wenn man eine Manga-Abteilung führt. Mit Zeichenwettbewerben, Facebook-Posts und unsere Website konnten wir die Reichweite erhöhen."

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