Jörg Sundermeier über die Großmut der Autoren

Glück der Unglücklichen

"Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen": Viele Autorinnen und Autoren haben auf ihnen zustehende Gelder von der VG Wort verzichtet. Verleger Jörg Sundermeier erkennt darin eine schöne Geste von Großmut.

Jörg Sundermeier

Jörg Sundermeier © Cordula Giese

Wenn man Glück im Unglück hat, ist man nicht eben glücklich. Eigentlich stimmt diese Regel, doch sie stimmt nicht immer. Manchmal überwiegt das Gute sogar das Schlechte. Doch bevor hier vom Glück die Rede sein soll, muss zunächst das Unglück benannt werden.

Wie alle in der Branche wissen, war am 30. August die Rückzahlung für die VG Wort fällig. Die Rückforderungen von VG Wort – und der ebenfalls vom VG-Wort-Urteil des Bundes­gerichtshofs betroffenen VG Bild-Kunst – waren enorm, auch in kleineren Häusern ging es oft um mehrere Zehntausend Euro. Viele Verlage fürchteten den Ruin. Alle mussten sich einschränken. Der Ventil Verlag etwa startete ein Crowdfunding, um die Herbstbücher drucken zu können, der Maro Verlag verzichtete auf sein Frühjahrsprogramm.

Von den Verlagen wurden um die 80 Millionen Euro an die Verwertungsgesellschaft zurückgezahlt. Das war für alle schmerzlich. Und so manch einer neigt nun dazu, auf die Autorinnen und Autoren zu schimpfen, denn ein Autor brachte schließlich mit einer Klage die Lawine ins Rollen. Auch flucht man aufs System, und auch hier heißt es: danke Merkel! Tatsächlich hat die große Koalition, inbesondere der Justizminis­ter, den Verlagen jüngst mit der Urhebervertragsrechtsnovelle sowie mit der "Reform" des Wissenschaftsurheberrechts schwer zugesetzt. Den Verlagen geht es schlecht. Sie fühlen sich verkannt, die Stimmung ist gedrückt. Nun wäre ein Verlagspreis vonnöten, ähnlich dem Deutschen Buchhandlungspreis, der die Arbeit von Lektorat und Herstellung, von Vertrieb und Marketing anerkennt und belohnt. Ein Lichtblick wäre schön.

Doch den gibt es. Als die Rückzahlungen fällig wurden, erklärten viele Urheberinnen und Urheber, auf die ihnen zustehenden Gelder verzichten zu wollen. Die VG Wort bot dies an. Zudem forderten Sarah Diehl, Martina Hefter, Björn Kuhligk, Kristof Magnusson, Andreas Mand, Susanne Neuffer, Enno Stahl, Anke Stelling, Johanna Straub und Frédéric Valin in verlagsübergreifender Gemeinschaft ihre Kolleginnen und Kollegen in einem offenen Brief auf, auf ihre Anteile zu verzichten, um die Existenz der unabhängigen Verlage zu sichern: "Wir sind mit dem Verteilungsschlüssel der VG Wort zufrieden gewesen. (…) Nun wollen wir von dem für unsere Verlage schmerzhaften bis ruinösen Ausgang auch nicht profitieren. Wir haben gewiss nichts zu verschenken, aber wir wollen uns auch nicht gegeneinander ausspielen lassen."

Die Verlage wurden schließlich von einer Summe in Höhe von insgesamt 5,8 Millionen Euro freigestellt, so teilte die VG Wort mit. Das ist schön und großmütig, bekanntlich sind viele Autorinnen und Autoren nicht gerade reich. Ihnen sollten die Verlage danken. Von unabhängigen Verlagen hört man, dass sie von ihren Autorinnen und Autoren um bis zu 70 Prozent entlastet worden sind. Dieser Geldverzicht erfolgte aus freien Stücken. Mit ihm danken die Verzichtenden für gutes Lektorat, herzliche Betreuung, Eigensinn und die Einbindung in Entscheidungen. Und wir danken ihnen, nicht nur für den Spaß, den uns ihre Bücher machen, sondern auch für die Liebe, die sie uns entgegenbringen. Denn wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen. Wir brauchen uns ja. Um gute, kluge Bücher zu machen, in denen Fantasie und Aufklärung stecken. Gerade in diesen geistfernen Zeiten brauchen wir uns.

1 Kommentar/e

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  • Lisette Buchholz

    Lisette Buchholz

    Den Aussagen von Jörg Sundermeier kann ich mich nur anschließen. Großer Dank an meine Autorinnen und Autoren, die von selbst anboten, mir durch ihren Verzicht zu helfen (ich hätte sie nicht gefragt). Das Gleiche gilt für die Übersetzerinnen und Übersetzer, die ebenfalls - von sich aus - großmütig waren. Was für eine schöne Erfahrung, mit solchen Menschen arbeiten zu dürfen, die in dieser Finanznot solidarisch waren, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Die Summe, die ich an die VG Wort bezahlen musste, war zwar immer noch schmerzlich genug, aber ich konnte sie wenigstens leisten.

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