Interview mit Thalia-Chef Michael Busch

"Grundverständnis für unser Handeln"

Letzte Woche hat Thalia-Chef Michael Busch das vergangene Geschäftsjahr bilanziert, im Interview mit dem Börsenblatt spricht er unter anderem über anstehende Optimierungen und die Debatte über die Werbekostenzuschuss-Pauschale.

© Thalia

Als Sie im Sommer Ihre kleineren Lieferanten angeschrieben und eine Werbekostenzuschuss-Pauschale gefordert haben, hat das eine heftige Debatte in der Branche losgetreten …

Ich glaube, dass Investitionen für den Buchhandel eine Überlebensfrage sein werden. Wir werden im abgelaufenen und im laufenden Geschäftsjahr zusammen deutlich über 30 Millionen Euro in unsere Buchhandlungen sowie in den E-Commerce und dort in Technologien und Services investiert haben. Die Kunden belohnen das, wie wir kanalübergreifend an unserem leichten Umsatzplus sehen. Nun haben wir jene 1 800 Geschäftspartner angeschrieben, mit denen wir auf Grund der Größe bislang keine Gespräche geführt haben. Aufgrund der Vielzahl sind persönliche Gespräche schlichtweg nicht in der Breite möglich – daher der Brief, der zugegebenermaßen von vielen als in der Form unangemessen angesehen wurde. Allerdings erscheint es uns angemessen, unsere Partner an den hohen Investitionen auch mit Blick auf die gemeinsamen Erfolge der Vergangenheit zu beteiligen. Dass dies nicht auf helle Begeisterung stößt, liegt in der Natur der Sache. Und trotzdem bin ich sicher, dass es zunehmend ein Grundverständnis für unser Handeln gibt, denn viele Geschäftspartner haben sich bereits beteiligt.

Ganz so leicht war es nicht, der Gegenwind wehte weitaus heftiger!

Die Branche muss aufpassen, dass nicht Stellvertreterdebatten geführt und die Kernfragen nicht gestellt werden. Diese lauten doch am Ende des Tages: Wie können wir uns im Wettbewerb mit Amazon positionieren? Und welche Zukunft hat eine Branche, in der nicht einige vorangehen und richtig investieren. Ich kann nur sagen: Passt auf, dass ihr nicht zu lange auf das falsche Thema schaut. Amazon investiert nicht weniger, sondern jedes Jahr mehr. Dabei tut Amazon noch nicht einmal etwas für die Bücher, pusht sie nicht, macht so gut wie keine Werbung für sie. Wir Buchhändler bieten den Büchern Präsenz, Fläche, bieten Veranstaltungen an – 3 000 waren es im letzten Jahr allein bei Thalia. Da sollten wir den Fokus in dieser Debatte einmal weiten. 

Optimierungs- und Effizienzthemen spielen bei Thalia eine wichtige Rolle. In Ihrem kontinuierlichen Verbesserungsprozess haben Sie sich im abgelaufenen Geschäftsjahr auch die Abwicklung der Remissionen vorgeknöpft. Mit welchem Ergebnis?

Wir haben uns die letzten Monate intensiv damit beschäftigt und haben uns, anders als unsere Mitbewerber, nicht für einen externen Dienstleister bei der zentralen Abwicklung der Remissionen entschieden. Mit Rhenus haben wir eine sehr breite Logistikplattform mit rund 180 000 Titeln und können die Prozesse effizienter selbst gestalten. Alle unsere Remissionen gehen zunächst an Rhenus zurück. Mit den Verlagen besprechen wir dann individuell, wie wir mit ihren Büchern umgehen. Das wird unser nächster Schritt sein. Durch solche Verabredungen mit den Lieferanten lassen sich für alle noch einmal ordentlich Kosten sparen. Man kann beispielsweise Titel eines Verlages neu konfektionieren und ins Moderne Antiquariat überführen, ohne sie zuvor hin und her zu schicken. 

Ein weiterer Optimierungsansatz: Buchhändler in elf Testfilialen sind mit einem Tablet ausgerüstet und GiSelA, die Guided Selling App, hilft beim Verkaufen. Wie finden Buchhändler und Kunden das?

Die finden das gut. Das Tablet hat Funktionalitäten aus der Warenwirtschaft, ist intuitiv zu bedienen und ergänzt das Wissen der Buchhändler. Man kann zum Beispiel die Titel direkt einscannen und erhält dann alle Bücher, die der Autor noch geschrieben hat. Der Weg an die Information, die vielleicht gerade vom Kollegen besetzt ist, entfällt. Es lässt sich viel aktiver mit den Kunden kommunizieren und man kann ihnen mehr Optionen bieten. Weil die Tests gut laufen, wollen wir die Tablets im kommenden Jahr flächen­deckend einführen.

Sie schauen sich seit einiger Zeit auch vertikale Diversifikationsoptionen näher an, das heißt eine Verlängerung der Wertschöpfungskette in Richtung Produktion. Werden Sie bald Verlag oder Non-Book-Produzent?

Wir betrachten das Thema unter zwei Aspekten: Was wollen wir tun? Und wie sehen die Prozesse aus? Bis Ostern werden wir dazu genaue Erkenntnisse haben. Das bedeutet aber nicht, dass wir beispielsweise gegen die Verlage arbeiten, im Gegenteil. Die Verlage können uns vielleicht mit besonderen Inhalten unterstützen und so Exklusivität schaffen. Denn Exklusivität heißt für uns nicht, alles selbst zu machen, sondern die richtigen Partner in der Wertschöpfungskette zu finden. Würden wir alles selbst machen, gebe es bis heute keinen tolino.

Der Einzelhandel beklagt seit fast einem Jahr eine deutlich rückläufige Kundenfrequenz. Was bedeutet das für Thalia?

Wir haben Informationen der GfK, wonach die Frequenz in den Innenstädten zwischen fünf und 13 Prozent zurückgegangen ist. Im Vergleich zu Einzelhändlern anderer Branchen stehen wir Buchhändler zwar noch besser da, aber hier fehlt uns trotzdem richtig etwas.

Worauf führen Sie die rückläufigen Kundenzahlen zurück?

Da gibt es verschiedene Punkte. Wir müssen uns zunächst fragen, ob wir alle Chancen des stationären Buchhandels zu 100 Prozent nutzen. Die zweite These liegt in der Kanalverschiebung. Der dritte Aspekt ist die Darreichungsform E-Book, das nicht im Laden gekauft wird. Aber all das erklärt den Schwund nicht ausreichend. Vierter Punkt ist für uns, dass das Geld in andere Konsumbereiche fließt, etwa in das boomende Reisesegment. Und Punkt fünf ist die Beobachtung, dass der Buchhandel in wirtschaftlich sehr guten Jahren nicht so gut läuft, in Krisenjahren hingegen schon. Was uns etwas tröstet: Unsere Kundenwanderungsbewegungen zeigen, dass einige Kunden zwar nicht mehr in den Laden kommen, aber uns im Internet treu blieben. Sie wechseln von Thalia stationär zu Thalia.de. Und da wiederum stellen wir ein interessantes Phänomen fest: Erstmals haben im vergangenen Jahr mehr Kunden Ware im Internet bestellt und in den Buchhandlungen abgeholt, als Kunden Ware in den Buchhandlungen bestellt haben. Jedes fünfte bestellte Buch wird mittlerweile in der Buchhandlung abgeholt.

Gibt es bei der Entwicklung der Kundenfrequenz Unterschiede zwischen Innenstädten und Centern?

Ja. Viele Jahre lang entwickelten sich die Einkaufscenter besser als die Innenstädte. Jetzt sehen wir, dass die Betreiber der Center mietoptimierend agieren und im Center jene Anbieter fehlen, die die hohen Mieten nicht zahlen können. Dadurch fehlen im Ladenmix wichtige Player und die One-Stop-Shopping-Kunden bleiben weg.

Steigende oder zumindest hohe Mieten sind für die meisten Buchhändler eine ernste Angelegenheit. Die Steigerung der Buchpreise hält da ja keinesfalls mit.

Was wir in unserer Branche mit den Buchpreisen machen, ist total verrückt. Wir haben in den letzten zehn Jahren gerade mal eine Preissteigerung von zehn bis zwölf Prozent erzielt, während Personalkosten und Miete um mehr als 40 Prozent gestiegen sind. Wir verkaufen doch ein wertiges Produkt, wertigen Content in schöner Aufmachung. Wenn Verlage den Mut haben, die Preise zu erhöhen, stellen wir ihre Bücher gern nach vorn und lassen sie nicht im Regen stehen. Ich sehe es als eine ganz wichtige Aufgabe an, eine vernünftige Preisentwicklung hinzubekommen. Bücher sind kein homogenes Gut und die Angst der Verlage, dass die Kunden bei einer Preiserhöhung die Bücher der Konkurrenz kaufen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Seit Juli 2016 hat Thalia mit den Familien Herder, Kreke, Göritz und mit Ihnen eine neue Eigentümerstruktur. Wird dieses Quartett Bestand haben?

Diese Frage können Sie mir gern auch noch in fünf bis zehn Jahren stellen, da bin ich ganz sicher. Wir sind vier Familien, die sich kennen, schätzen und sehr gut ergänzen. Wir alle wollen das Lesen im Leben der Menschen präsent halten und nachhaltig an Thalia beteiligt sein. 

 

Michael Busch

Michael Busch © Thalia

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