Felicitas von Lovenberg über Leserinnen

"Papierne Gefährten sind immer für einen da"

Bücher helfen dabei, in andere Rollen zu schlüpfen und die Ordnung zu hinterfragen. Genau deshalb ist die Liebe der Frauen zum Roman so oft belächelt worden – meint Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg.

Feliciats von Lovenberg

Feliciats von Lovenberg © Mathis Beutel

Im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten sind es heute vor allem Frauen, die lesen. Vor allem die schöne ­Literatur würde ohne Leserinnen wahrscheinlich aussterben. Längst haben wir entdeckt, dass Liebe, Freundschaft, Zweifel, der kleine und der große Kummer im wahren Leben oft weniger intensiv sind als im Roman – und dass sie sich durch den Umweg über die Kunst besser bewältigen lassen. "Wir würden nicht lieben, wenn wir nicht von der Liebe gelesen hätten", brachte La Rochefoucauld bereits im 17. Jahrhundert auf den Punkt, was uns bis heute im Netz der Geschichten hält.

Bücher bereichern uns um Erfahrungen, Gefühle und Erkenntnisse, die wir ohne sie nicht hätten – und statten uns mit Vergleichsmöglichkeiten aus. Wie viele Ehen wie die von Emma und Charles Bovary sind geschlossen worden, weil sich die Frau in einer Romanze wähnte, die eines großen Romans würdig wäre, während der Mann den Sehnsüchten seiner Frau hilflos gegenüberstand? Und wie viele Frauen haben ein unzugängliches männliches Gegenüber als einen Mr. Fitzwilliam Darcy interpretiert, hinter dessen arroganter Fassade ein anständiger Charakter steckt?

Romane machen die Gefühle groß: Liebe und Angst, Sehnsucht und Verzweiflung. Wer hätte, von einer identifikatorischen Lektüre beflügelt, noch keine Übersprunghandlung begangen, über die er später den Kopf geschüttelt hat? Durch Romane können wir uns aber auch in verschiedenen Rollen spiegeln, ohne sie realiter einnehmen zu müssen, und sind ­dadurch vielleicht mitunter gewarnt.

"Lesen heißt, mit einem fremden Kopfe statt des eigenen denken", sagte Schopenhauer; Lektüre weckt den kritischen Geist, denn sie drängt uns dazu, Dinge zu hinterfragen. Mit dem Infragestellen wächst die Selbstreflexion und damit das Selbstvertrauen. So kommt die gewöhnliche Ordnung ebenso ins Rutschen wie der unumstößliche Glaube an Instanzen wie Gott, Gatte, Gesetze, Gewöhnung. Darum ist die Liebe von Frauen zur erzählenden Literatur so oft belächelt und herabwürdigend beschrieben worden, gern auch von Romanciers. Für Frauen bedeutete der Zugang zu Büchern und Bildung stets einen wesentlichen Schritt zu Selbstbestimmung und Emanzipation.

Würden Männer und Frauen sich besser verstehen, wenn Männer so viel läsen wie Frauen? "Wüssten sie mehr von unserem Leben, Denken, Fühlen, wenn sie Sylvia Plath, Virginia Woolf, Carson McCullers, Jane Bowles, Annemarie Schwarzenbach oder Dorothy Parker läsen, so wie wir ja auch Hemingway, Faulkner, Updike, Roth, Flaubert und Balzac lesen?", fragt Elke Heidenreich in "Frauen, die lesen, sind gefährlich". Lesend fällt der Rollen- und damit auch Geschlechtswechsel leicht.

Das Lesen von Romanen macht uns zwar einfühlsamer und kritischer, hebt aber auch Standards und Erwartungen. "Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir Geschmack finden", bemerkte Ludwig Feuerbach. Ich weiß nicht, bei wie viel Small-Talk-Empfängen ich mich insgeheim nur zurück zu meiner jeweiligen Lektüre gesehnt habe. Ein verflossener Liebhaber prophezeite mir einmal, ich würde eines Tages unter den Büchern aus einem meiner übervollen Billy-Regale begraben und dann ewig nicht gefunden werden, da ich mich lieber mit Büchern als mit Menschen beschäftigte und mich daher niemand vermissen würde. Papierne Gefährten haben eben enorme Vorteile: Sie schnarchen nicht, ziehen einem nicht die Bettdecke weg und sind immer für einen da, wenn man sie braucht.

Felicitas von Lovenberg beschäftigt sich in ihrem am 1. März erscheinenden Buch "Gebrauchsanweisung fürs Lesen" mit den Themenkomplexen "Wozu überhaupt lesen?", "Wann, wo, wie oft lesen – und wann man aufhören sollte" und "Was lesen? Von der Suche nach den richtigen Lektüren". Darin vertieft die frühere "FAZ"-Literaturchefin die Wirkung des Lesens auf jeden einzelnen Leser.

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