Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis für Aslı Erdoğan

"Bedingungslose Nicht-Akzeptanz von Ungerechtigkeit"

Überraschend erhielt die türkische Autorin und Journalistin Asli Erdoğan ihren Reisepass zurück und konnte nach Deutschland kommen: Am Freitag ist sie mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden. Laudator war Alexander Skipis – und die Preisverleihung eine Feier der Menschenrechte. VON SABINE SCHMIDT

Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert überreicht Aslı Erdoğan die Ehrung

Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert überreicht Aslı Erdoğan die Ehrung © Angela von Brill

Sie ist ein Opfer politischer Willkür – und mit den psychischen Folgen ging die türkische Autorin und Journalistin Asli Erdoğan offensiv um, als sie am Freitag in Osnabrück mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis geehrte wurde: Man konnte ihr anmerken, wie sehr sie verletzt und mitgenommen ist.

Es hat tiefe Spuren hinterlassen, dass sie inhaftiert war, nicht über ihr Leben bestimmen konnte, dass sie in der Türkei nicht sagen und schreiben darf, was sie denkt. Mehr noch: Es war nicht nur zu merken, sie sprach offen darüber, wie verzweifelt sie ist. "Ich habe an Selbstmord gedacht, im Gefängnis und auch nach der Entlassung, wenn die Polizei wieder vor der Tür stand."

Asli Erdoğan ist aber nicht nur Opfer, sondern als Schriftstellerin rebellisch und widerständig geblieben. Auch diese Stärke war im historischen Rathaus der Stadt Osnabrück zu spüren. Die Gäste brachten ihre Unterstützung für sie deutlich zum Ausdruck: Sie standen auf und applaudierten lange, als Oberbürgermeister Wolfgang Griesert ihr den mit 25.000 Euro dotierten Preis überreichte.

Verliehen wird er seit 1991 alle zwei Jahre. Ausgezeichnet werden Persönlichkeiten, deren publizistisches Engagement für Frieden, Humanität und die Freiheit des Menschen beispielhaft ist. Asli Erdoğan bekommt den Friedenspreis für ihre Berichte über die Auswirkungen der politischen Verhältnisse in der Türkei auf die Menschen und ihren Alltag, insbesondere in Hinblick auf ihre vor kurzem erschienene Essaysammlung "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch" (Knaus).

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, Wolfgang Lücke, Jurysprecher und Universitätspräsident in Osnabrück, Asli Erdoğan und Alexander Skipis (von links)

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, Wolfgang Lücke, Jurysprecher und Universitätspräsident in Osnabrück, Asli Erdoğan und Alexander Skipis (von links) © Angela von Brill

Inhaftierung in Istanbul

Ihre Texte seien weniger konkret politisch als "seismographisch für den Schmerz der Opfer, die Grausamkeiten, die sie erlitten", so die Jury. Einfühlsam, poetisch und in aller Deutlichkeit stehe die Diskriminierung von Frauen im Mittelpunkt ihres Schreibens. Darüber hinaus widme sie sich Themen wie Völkermord, Gewalt, Unterdrückung, Folter und Krieg.

Asli Erdoğan sah sich bereits früher Repressalien ausgesetzt. Im August 2016 aber musste sie ins Gefängnis: weil sie für die kurdisch-türkische Tageszeitung "Özgür Gündem" schrieb, die mit der Begründung geschlossen wurde, sie verbreite Propaganda für die PKK. Im Rahmen der so genannten "Säuberungen" wurde Asli Erdoğan nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei mit 22 anderen Journalisten der Zeitung verhaftet.

Ende Dezember kam sie frei, durfte die Türkei aber nicht verlassen. Umso größer war die Überraschung, als sie jetzt doch ihren Reisepass erhielt und nach Osnabrück kommen konnte. Ein Happy End ist das aber nicht: Der Prozess gegen sie ist für Oktober angesetzt. Ihr drohe lebenslange Haft, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, in seiner Rede (im Wortlaut hier nachzulesen). Ihn hatte sich Asli Erdoğan als Laudator gewünscht, weil er sich sehr für sie eingesetzt hat, unter anderem mit einer Mahnwache am 14. November 2016 vor dem Frauengefängnis Bakirköy in Istanbul.

Bei der Würdigung im Osnabrücker Rathaus

Bei der Würdigung im Osnabrücker Rathaus © Angela von Brill

Die Preisträgerin: Mutig, sensibel, wortgewaltig

Alexander Skipis würdigte Asli Erdoğan als "Sprachrohr der Geknechteten, Unterdrückten und im Stich Gelassenen", als Autorin, deren "Antrieb die bedingungslose Nicht-Akzeptanz von Ungerechtigkeit" ist - und die wie Erich Maria Remarque ihre Leser mit in den Krieg und in die Ungerechtigkeit dieser Welt nehme: "Sie beschreibt die Grausamkeit schonungslos und so sensibel wortgewaltig, dass Bilder in unseren Köpfen entstehen, die man nicht vergisst."

Seine Rede war aber mehr als die Würdigung der ausgezeichneten Autorin: Sie war ein Plädoyer für Meinungs- und Pressefreiheit und ein eindringlicher Appell an die Zuhörer, sich für die Menschenrechte und für Verfolgte zu engagieren. Sei es für Deniz Yücel ebenfalls in Istanbul, für den Blogger Raif Badawi in Saudi Arabien, der nicht nur eingesperrt ist, sondern auch ausgepeitscht wird, oder für die Dichterin Liu Xia, die Witwe des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, die in China seit langem unter Hausarrest steht und nahezu isoliert leben muss.

Europäer dürften sich bei ihrem Engagement für Verfolgte nicht aus wirtschaftlichen oder anderen egoistischen Gründen zurückhalten – Asli Erdoğan habe der Türkei den Spiegel vorgehalten, sie halte ihn auch uns vor, betonte Skipis. "Lassen Sie uns ihrem Vorbild folgen und konsequent für die Werte einer freien und demokratischen Gesellschaft, zu denen in besonderem Maße die Meinungsfreiheit zählt, aktiv eintreten."

Die Bürger- und Menschenrechte sind in Gefahr

In Deutschland ist das möglich, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen. Zunehmend aber geraten in Europa Bürger- und Menschenrechte in Gefahr. Auch das war ein großes Thema der Vorträge anlässlich der Preisverleihung, insbesondere von Rita Süssmuth, der Politikerin, die von 1988 bis 1998 Präsidentin des Bundestags war. Sie hielt die Laudatio zur Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreises, den Daniel Röder erhielt: Im November 2016 hat er gemeinsam mit seiner Frau in Frankfurt am Main "Pulse of Europe" gegründet. An jedem ersten Sonntag im Monat lädt die Bürgerrechtsbewegung zu Kundgebungen ein. Die Teilnehmer gehen für ein Europa auf die Straße, in dem die Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Respekt und Toleranz grundlegend sind.

Die beiden Preisträger stehen für Werte, die allzu oft als selbstverständlich hingenommen werden, es tatsächlich aber nicht sind, auch nicht mehr in Deutschland, hieß es im Rathaus in Osnabrück. "Der Rechtsstaat scheint zur Disposition zu stehen. Und der politische Umgang damit ist eher lauwarm", warnte Alexander Skipis in seiner Laudatio auf Asli Erdoğan. Seine Worte fanden beim Publikum Gehör – zu hoffen bleibt, dass sie auch über Osnabrück hinaus wirken.

Osnabrücks OB Wolfgang Griesert, Preisträgerin Asli Erdogan, Juror Tilman Westphalen, Laudator Alexander Skipis, Preisträger Daniel Röder, Johano Strasser, Heribert Prantl, Dr. Thomas F. Schneider, Jutta Sauer, Preisträgerin Sabine Röder, Jurorin Rita Süs

Osnabrücks OB Wolfgang Griesert, Preisträgerin Asli Erdogan, Juror Tilman Westphalen, Laudator Alexander Skipis, Preisträger Daniel Röder, Johano Strasser, Heribert Prantl, Dr. Thomas F. Schneider, Jutta Sauer, Preisträgerin Sabine Röder, Jurorin Rita Süs © Angela von Brill

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