Deutsche Autorenverbände nehmen Stellung zu rechten Akteuren

Für einen friedlichen Diskurs

Sollten Autoren eine Buchmesse boykottieren, wenn rechte Verlage zugelassen werden? Und darf man Akteuren von rechts überhaupt eine Plattform bieten? Das PEN-Zentrum Deutschland und der VS positionieren sich.

Regula Venske, Präsidentin PEN-Zentrum Deutschland

Regula Venske, Präsidentin PEN-Zentrum Deutschland © picture alliance / Bernd Thissen/dpa

PEN: "Ein dialektisches Spannungsverhältnis"

"Ihr müßt sie lieb und nett behandeln, erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln, getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!"
So spottete, in bitteren Worten und resigniert, einst Kurt Tucholsky. Wer hätte gedacht, dass seine Abrechnung mit einer jungen Demokratie, die sich nicht verteidigen konnte, noch einmal eine solche Aktualität gewinnen könnte? Aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zogen wir das Fazit: "Wehret den Anfängen!" Aber wann ist es womöglich zu spät, noch den Anfängen zu wehren, weil der Zeitpunkt der "Anfänge" längst verstrichen ist?

Mit der Aufnahme in den PEN verpflichtet sich jedes Mitglied, sich für die Freiheit des Wortes und gegen jede Form von Zensur einzusetzen sowie "mit äußerster Kraft" für die Bekämpfung jeder Form von Hass, wie Rassen-, Klassen-, und Völkerhass, zu wirken. Beide Themen stehen in einem dialektischen Spannungsverhältnis, das es immer wieder auszuloten gilt – ja, die Spannung geht mitten durch uns hindurch. Es gibt daher keine einfachen Antworten auf die Frage, wie den allerorten wieder erstarkenden Menschenverächtern, den Nationalisten und rassistischen Hetzern, den Tabubrechern und Provokateuren finsterer Mächte zu begegnen ist. Sollen wir "Mit Rechten reden", damit die Feinde der Demokratie sich selbst entlarven und wir sie quasi in diskursiver Umarmung elegant kaltstellen können? Oder entlarven wir uns selbst – im besten Fall als hoffnungslos altmodisch, im schlimmsten Fall in den Augen mancher als intolerant –, wenn wir nach wie vor einem kämpferischen – parteilichen – Toleranzbegriff anhängen, wie wir ihn vor Jahren bei Herbert Marcuse lernten? Alles zu tolerieren zeugt demnach gerade nicht von Toleranz, sondern von Gleichgültigkeit.

Natürlich können nicht alle ausgestellten Titel einzeln von den Messeleitungen geprüft werden. Das wäre weder praktikabel noch wünschenswert. Denkbar scheint uns aber durchaus (hierzulande herrscht Vertragsfreiheit), einzelnen Verlagen und Akteuren aus Gründen des Hausfriedens keine Plattform zur Verbreitung antidemokratischer Positionen zu geben. Das wäre keine Zensur: Zensur kann nur der Staat ausüben. Wie auch immer sich die Messeleitungen in Leipzig und Frankfurt aber entscheiden: Wir fühlen uns den Verantwortlichen solidarisch im gemeinsamen Anliegen für Vielfalt und friedlichen Diskurs verbunden. Die Frage eines Boykotts seitens der Autoren oder anderer Verlage stellt sich uns daher nicht.

Nina George, Beirätin des Bundesvorstands

Nina George, Beirätin des Bundesvorstands © Urban Zintel

Eva Leipprand, Bundesvorsitzende des VS

Eva Leipprand, Bundesvorsitzende des VS © K. Lipa

VS: "Buchmessen sind unverzichtbar"

Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) ist erschüttert über die Art und Weise, wie sich rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse 2017 inszeniert haben. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gab es sogar Fälle rechter Gewalt. Dies darf sich nicht wiederholen.

Klar ist aber auch: Die Messeleitung hat sich an Recht und Gesetz zu halten. Für Verbote sind Gerichte zuständig. Man kann und darf der Messe nicht die Rolle des Zensors zuschieben.

Deshalb scheint dem VS ein Boykott von Buchmessen nicht der richtige Weg. Eine solche Maßnahme wäre zwar eine starke Meinungsäußerung gegen rechts, würde aber dieser Szene ein großes Spielfeld überlassen, und das in einem sehr sensiblen Bereich: der Kultur. Das Kulturgut Buch bewahrt, vermittelt und verändert die Narrative unserer Gesellschaft. Als Ort des Dialogs, der kraftvoll in den Resonanzraum der Gesellschaft hineinwirkt, sind die Buchmessen unverzichtbar. Dort wollen auch wir weiterhin präsent sein und unsere Stimme erheben, auch und vor allem gegen Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit.

Wir erwarten, dass die Messen in Leipzig und Frankfurt aus 2017 lernen und gemeinsam mit der gesamten Buchbranche für die Zukunft Strategien entwickeln, die verhindern, dass die rechte Szene die Schlagzeilen bestimmt.

Börsenblatt Heft 49: Wie soll man mit rechtsextremen, antidemokratischen Meinungen umgehen, die einem im Berufsalltag begegnen? Die Meinungen in der Buchbranche darüber gehen auseinander. Grundsatzfragen müssen diskutiert werden: Was ist erlaubt? Was nicht? Eine faktenbasierte Orientierungshilfe bei der Suche nach Antworten und ein Stimmungsbild abseits der lautstark vorgetragenen Parolen bietet das aktuelle Börsenblatt mit dem Themenschwerpunkt "Rechts".

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1 Kommentar/e

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  • Leander Sukov

    Leander Sukov

    Ja, der PEN hat recht. In der Tat hätten die Messeleitungen von Frankfurt und Leipzig die Möglichkeit rechtsradikale Verlage von der Messe auszuschließen, zumindest bis Gerichte die Messen zwingen, diese Verlage doch zuzulassen.

    Ich bin Mitglied beider Vereinigungen, des PEN ebenso wie des VS. Und mit Erstaunen, ja mit Ratlosigkeit lese ich die Einlassung des Bundesvorstandes des VS, der ja die gewerkschaftliche Interessenvertretung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller sein sollte. Der Satz "Klar ist aber auch: Die Messeleitung hat sich an Recht und Gesetz zu halten. Für Verbote sind Gerichte zuständig. Man kann und darf der Messe nicht die Rolle des Zensors zuschieben." ist zumindest unklar. Soll die Messe also nicht versuchen rechtsradikale Verlage von der Messe fernzuhalten? Und was wäre daran das Verbot, für das Gerichte zuständig sein sollen? Kein Verlag ist verboten, weil er nicht auf den Messe aufscheint. Ich, und ich glaube ich bin darin nicht allein, habe allerdings die Auffassung, dass der VS sich ein Beispiel an der klaren und deutlichen Positionierung des PEN nimmt und erklärt, dass Verlage in deren Programm, in deren Umfeld oder aus den Reihen der Autoren heraus der Holocaust relativiert, die Herrschaft der "weißen Rasse", die Vorherrschaft der nordischen Nation oder dergleichen mehr propagiert wird nicht auf die Messen gehören. Ich erwarte von einer gewerkschaftlichen Interessenvertretung, die Teil von ver.di ist, dass sie aus der blutigen und leidvollen Erfahrung der Arbeiterbewegung lernt und sich nicht in allgemeinem Toleranzgedöns ergeht, die Verantwortung auf Gerichte abschiebt, die in der Tat nicht zuständig sind, sondern das tut, was getan werden muss und sagt: Keinen Fußbreit den Faschisten. Auch nicht auf Buchmessen.

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