Meinung: Das Buch

Lob der Langsamkeit

Warum gerade jetzt die Stunde des Buchs schlägt. Von Benedikt Köhler, Soziologe und Medienberater.

Benedikt Köhler

Benedikt Köhler © privat

Das Ende des Gutenbergzeitalters wird schon seit einigen Jahrzehnten angekündigt. Vielleicht vollendet nun das iPad als Prototyp einer digitalen Druck- und Vertriebsform diese Entwicklung. Was mit dem Online-Buchshop und den ersten eBook-Readern begonnen hat, soll nun von Steve Jobs’ Meisterwerk mit einem Schlussstrich versehen werden.

Als wir Anfang 2010 unser Slow Media Manifest skizziert haben, spürten wir vor allem, dass gerade eine Ära aufhört – und womöglich eine neue beginnt. Denn dieser Wandel zu einer digitalen Gesellschaft bedeutet, so unser Manifest, nicht, dass fortan alle Medienproduktion und -rezeption nur mehr online und in Echtzeit ablaufen wird.

Genau das Gegenteil scheint der Fall. Allerorten wird immer intensiver und ernsthafter über die Qualität von Zeit diskutiert – gerade weil das Thema der Beschleunigung nun nach dem Erreichen der Echtzeit als abgehakt gelten muss. Viel wichtiger als die Frage einer möglichst schnellen Distribution von Medien und Meldungen wird die Frage ihrer nachhaltigen Produktion und Nutzung. Slow is beautiful.
McLuhan hat einmal festgestellt, dass mit jedem neuen Medium nicht nur neue Möglichkeiten und Nutzungsformen in die Welt kommen und alte verdrängt werden, sondern gleichzeitig auch – dies die Slow-Media-Lesart von McLuhan, die wir wagen – alte, zum Teil längst vergessene Eigenschaften und Vorzüge wiederbelebt werden können.

Genau das passiert gerade mit und durch das iPad: Gegenüber dem rigiden Kontrollwahn der Apple Corp. wird die in den letzten 100 Jahren erfolgreich verdrängte widerständige, antihegemoniale Macht des Buchs wieder spürbar. Neben der makellosen und keimfreien Oberfläche des iPad-Betriebssystems sticht das kratzige Profil guter Verlagsprogramme lustvoll hervor.

Vor dem Hintergrund der ständigen All-Verfügbarkeit des Welt-Halbwissens erfahren vergängliche Sortimente und die Arbeitsteilung zwischen Neubuchhändlern und Antiquariaten eine ungeahnte Wertsteigerung. Wer sich an die Beliebigkeit von Download- und Löschbutton gewöhnt hat, wird die andere Qualität eines slowen Mediums wie des Buchs stärker zu schätzen lernen.

Was durch das Digitale ersetzbar ist, wird durch das Digitale ersetzt werden. Durch die digitale Konkurrenz wird das Buch sich dorthin orientieren müssen, wo es mehr ist als Altpapier. Es wird sich auf Tugenden besinnen, die es auszeichnen und nicht kompensierbar machen.

Wer in diesem Wandel bereits heute verloren hat, sind die Anbieter und Produzenten von kurzlebiger Literatur. Denn das nur einmal konsumierbare Buch oder Bücher, die nur über reine lieferbare Information funktionieren, werden zu Recht durch ihre digitalen Äquivalente ersetzt werden. Die Bücher, die heute die modernen Antiquariate und Flohmärkte überschwemmen, werden auf Geräte wie das iPad abwandern und nach Gebrauch rückstandslos entsorgt.

Das Buch aber, zu dem man gern zurückkehrt, das zu lesen oder durchzublättern über die Jahre hinweg immer wieder Freude macht oder uns zu irritieren vermag und das mit jedem Gebrauch an Patina und Körper dazugewinnt, das also, ja, nachhaltig ist, das wird nach wie vor in den Regalen der Menschen seinen Platz haben

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9 Kommentar/e

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  • Sascha

    Sascha

    Benedikt, bei allem Respekt, noch weniger Aussagekraft hättest Du in diesen Artikel echt nicht legen können, wa? ;)

    Wäre hier nicht vom iPad die Rede, könnte es auch um Taschenbücher gehen.

    Versteh' mich nicht falsch, ich gebe Dir ja Recht, zumindest in so weit ich die "Echtzeitwahn" kritisch gegenüberstehe.

    Ich würde es dennoch begrüßen, wenn wir in der Diskussion endlich von der Vernarrtheit in den Begriff "Medium" wegkämen und uns auf die Inhalte konzentrieren würden. Auf dem z. B. Buchcamp gab es dazu einige interessante Diskussionen und Ideen - leider scheint nichts davon den Weg in die Köpfe der Buchtage-Organisatoren geschafft zu haben.

  • Benedikt Köhler

    Benedikt Köhler

    Sascha, ich glaube nicht, dass wir den medientheoretischen und v.a. medienevolutionären Blick bei diesem Thema schon vollständig ausgereizt haben. Im Gegenteil! Um herauszufinden, was eigentlich das Produkt ist, dass ein Verlag heute überhaupt anbietet, ist dieser Blickwinkel essentiell. Das schönste Beispiel dafür ist für mich immer noch das Telegramm, das im 19. Jahrhundert das schnellste Medium war. Heute spielt das keine Rolle mehr. Aber ein ganz anderes "Feature" des Telegramms gewinnt an Bedeutung: Das persönliche Überbringen. Das Telegramm ist nicht mehr eine schnelle, sondern eine persönliche Kommunikationsform geworden. So sehe ich das auch bei den Verlagen. Das eigentliche "Verlegen" (also das Vorschießen von Geld und Rohstoffen) spielt zunehmend eine geringere Rolle.

  • Fritz Iversen

    Fritz Iversen

    Dass die weitere Entwicklung nicht ohne Dialektik ablaufen wird, das dürfte sicherlich wahr sein. Insofern wird auf der Rückseite der Entwertung dessen, was sich heute breit und hoch bei Thalia und Hugendubel stapelt, eine Aufwertung der Bücher stattfinden, die nicht nur Leser, sondern sogar Liebhaber finden. Und gewiss wird jeder Schriftsteller, der unter Umständen jahrelang an einem Werk geschrieben gebastelt hat, nie aufhören, sich nach Druckertinte zu sehnen.
    Aber: Niemand kann momentan abschätzen, was da von jetzt an mit der Lesekultur im Innersten passiert. Es geht ja nicht nur um die Gegenständlichkeit oder Digitalisierung eines Romans, es geht auch um eine Abwertung dessen, was sich in der Vergangenheit als innige Gemeinschaft zwischen einem Buch und einem Leser darstellte. Das Lesen von langen Texten, und zumal "schwierigen" Texten, ist eine Form des geistigen Lebens, die den allermeisten Menschen immer fremder wird. Die Tendenz ist bereits seit Jahren überdeutlich und hat im übrigen einige Zeit vor dem Aufstieg des Internets zum Zentralmedium begonnen (siehe zum Exempel die "Nutzerzahlen" der Tageszeitungen bei den unter 30jährigen, die sind seit 1990 rückläufig). An den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen kann man es genauso wie an einem Periodikum wie der ZEIT verfolgen, wie die Lust an Komplexität und "Tiefgang" immer weiter abnimmt. Das Lesen als Auseinandersetzung mit einem Text befindet sich längst selbst in der Abwertungsspirale. In dieser Situation wird die weitere Entwicklung wie in allen Jahrhunderten zu vor nicht zuletzt von dem bestimmt, womit das Geld verdient wird. Und das werden Qualitätstitel nur am Rande sein. Romane, bei denen immer nach 3 Seiten das nächste Kapitel beginnt, sind die Treiber des Lesegeschäfts.
    Na ja, ich will nicht Abdriften in Niedergangsfantasien. So grandios waren die gedruckten Bücher ja früher auch nicht. Schund wurde im "langsamen" 18. Jahrhundert erfunden und im 20sten wie Zigarettenpäckchen aus der Maschine ausgespuckt. Ich würde nur vorschlagen, mit Prognosen vorsichtig zu sein. So weit ich sehe, sind erst am Anfang einer Entwicklung, die nur im Groben und Ganzen nur eine Richtung kennt: Banalisierung.

  • Sascha

    Sascha

    Benedikt, das Telegramm ist ein sehr schönes Beispiel, denn es zeigt nicht nur die Transformation in der Nutzung, sondern auch die Transformation des Angebots.

    Korrigiere mich, wenn ich mich irre, aber Telegramme sind kein Multimillionen-Geschäft (http://de.wikipedia.org/wiki/Telegramm#Deutschlan d). Verlage in ihrer heutigen Form aber schon (in ihrer Gesamtheit). Allein im Börsenverein sind mehr als 1.700 Verlag (http://www.boersenverein.de/de/portal/Verlage_im_ Verband/171536) organisiert. Mit reinen Liebhabereien werden die nicht weit kommen.

    Ich glaube auch nicht, das Kommunikation der Nutzen sein wird, für den Verlage bezahlt werden. Vielmehr, und Herr Honnefelder mag sich noch so sehr dagegen sträuben, sind Verlage (und waren es immer!) Informationsanbieter. Und nur für Information werden wir auch in Zukunft bezahlt.

    WIE die Information beim Kunden ankommt, das wird sich ändern. Und wenn es dafür andere Autoren braucht, zusätzliche Inhalte oder andere Prozesse, wird das eben so sein. Das sehen auch viele Teilnehmer der Buchtage so.

    Und nein, Fritz und Benedikt, wir stehen nicht "am Anfang". Wir "erleben" auch nicht "den Beginn". Wir stecken kopfüber drin ;) Niemand kann die Zukunft vorhersagen, nur eins scheint mir ziemlich sicher: Es wird nichts geschehen, das wir nicht tun.

  • Jörg Blumtritt

    Jörg Blumtritt

    @sascha beim i-pad als Vertriebskanal - genau wie bei z. B. auch dem Google-Projekt, alle Bibliotheken einzuscannen findet etwas bemerkenswertes statt: Öffentlichkeit wird ökonomisiert.

    Selbstverständlich sind Apple und Google unglaublich einfache und bequeme Distributionsplattformen für Content. Welche Inhalte aber publiziert werden, bleibt vollständig in deren Ermessen; Basis bildet keine Gesellschafts-Theorie, Religion oder Weltanschauung, sondern ausschließlich ökonomisches Kalkül.

    Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass die Autoren (und an zweiter Stelle die Verlage) Herr über Ihre Werke bleiben und lieber offene Systeme (wie Wordpress-Blogs oder Wikis) nutzen und ihre eigene Internet-Kompetenz stärken, statt die Fahnen zu streichen und das Feld zu räumen (bitte diesen martialischen Jargon zu entschuldigen; ist der frühe Morgen ...)

  • Benedikt Köhler

    Benedikt Köhler

    @Jörg Genau das habe ich auf dem Panel auf den Buchtagen auch betont: Nur weil bestimmte Plattformen auf einmal einen sehr attraktiven Vertriebskanal darstellen, dürfen sich Verlage und Autoren nicht komplett auf diese neuen Kanäle umstellen. Eine gute Webseite, auf der man die wichtigsten Inhalte findet, wird in Zukunft eher wichtiger als unwichtiger werden, zumal die Umwandlung von statischen Webseiten in Streams kein Problem mehr darstellt, während der umgekehrte Weg sehr schwierig ist.

  • Sascha

    Sascha

    @Jörg: Aus Sicht der Autoren richtig, für die Verlage ist das aber erstmal keine gute Nachricht.

    @Benedikt: Flexibilität ist wahrscheinlich das Stichwort. Je einfacher (= kostengüstiger und schneller) ich meine "Geschichten" transformieren kann, desto besser. Genau das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Problematisch dabei ist, dass die Bewältigung ein hohes Maß an technischer Kompetenz verlangt, langwierig, komplex und (wahrscheinlich) teuer ist.

  • Benedikt Köhler

    Benedikt Köhler

    @Sascha Für Verlage gilt genau dasselbe. Ich sehe als sehr problematische Entwicklung, dass sie sich zunehmend auf fremden Plattformen tummeln, bei denen sie keine Gewähr haben, dass ihre Inhalte auch über längere Zeit Bestand haben werden. Der große Vorteil eines Blogs ist doch, dass man selbst die Kontrolle über Plattform und Inhalte behält und weder riskiert, dass eigene Inhalte gelöscht werden oder einfach so verschwinden, noch, dass man die unkontrolliert die Nutzungsrechte an den Texten abgibt. Frei nach Loriot (und @enypsilon): "Da hat man etwas eigenes."

  • Sascha

    Sascha

    Das Eigene ist natürlich - in jeglicher Hinsicht - besser kontrollierbar als eine Plattform Dritter.

    Andererseits glaube ich schon, dass Anbieter dorthin gehen müssen, wo sich ihre Abnehmer tummeln. Es mag durchaus sinnvoll sein, sich aus bestimmten Gründen für bestimmte Themen/Produkte an Dritte zu hängen, gleichzeitig aber auch ein eigenes Angebot zu unterbreiten.

    Am Ende macht es der Mix und die Trichterfunktion, die man unter Plattformen und eigenen Angeboten anbringt. Letzlich geht es doch darum, zu verkaufen. Es kann durchaus wirtschaftlicher sein, einen Dritten zu bezahlen und mit einer niedrigeren Marge als im Direktgeschäft zu leben, weil dieser Dritte schlicht Masse macht.

    Es ist immer eine Einzelfallentscheidung. Je größer das Haus, desto eher wird man bereit sein, die anfänglich hohen Kosten für eine eigene Plattform und ihre Vermarktung zu investieren. Andererseits darf man sich auch nicht Mana vom Himmel erhoffen - libreka! zeigt sehr eindrücklich, wie schief das gehen kann.

    Und es muss ja nicht immer Facebook und Co. (damit meine die aktuell durchs Dorf getriebene Sau) sein. Online-Marketing kann hier viel von Social Media Reporting lernen: der erste Schritt ist die Identifikation der Plattformen, auf denen sich viele potenzielle Kunden tummeln. Danach entscheidet man, welche Kommunikationskanäle man selbst bereitstellt und wo man sich "einmietet". Das gleiche gilt für Vertriebskanäle. Je offener, schlanker und pragmatischer man an die Sache rangeht, desto kostengünstiger wird es, einen Rückkanal von Plattformen Dritter zum eigenen Shop/whatever zu eröffnen bzw. zu verbreitern.

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