#yeaward17: Die Nominierten (5)

Johanna Steiner: Kreativer Hörspielfreak

Vom beschaulichen Worms machte sie sich auf nach Berlin, um in der Hörbuchwelt Fuß zu fassen. Mit viel Einfallsreichtum und großem Engagement hat sich Johanna Steiner ihren Traum erfüllt: Heute ist sie als Regisseurin und Autorin tätig. CHRISTINA BUSSE

Johanna Steiner

Johanna Steiner © Jamil Yassine

Sie habe "den seltsamsten Berufswunsch der Welt", bekam Johanna Steiner zu hören, als für sie mit Anfang 20 feststand, dass sie Hörspielregisseurin werden wollte. Als angehende Abiturientin war sie sich da noch nicht ganz so sicher gewesen. Regie? Ja. Aber lieber am Theater oder doch eher beim Film? Erst als sie im Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur ein Hörspiel mitproduzierte, wusste sie plötzlich: Genau das ist es! Heute, 13 Jahre später, schreibt und inszeniert Johanna Steiner erfolgreich Hörspiele, Lesungen, Reisefeatures und Livehörspiele. Gerade hat sie ein echtes Mammutprojekt abgeschlossen. Einen 42-stündigen "Historienschinken", wie sie schmunzelnd berichtet. Die aufwendige Hörspieladaption "Robin" nach Rebecca Gablés Roman "Das Lächeln der Fortuna" hat sie ein Jahr lang in Atem gehalten. Und sie fühlt sich in ihrer Überzeugung bestärkt: "Es ist ein echter Glücksfall, fest angestellte Hörspielautorin und -regisseurin zu sein. Im kommerziellen Bereich wähne ich mich damit ziemlich allein." Einen Ausbildungsberuf gibt es nicht, Steiner war auf sich allein gestellt, um die Berufung zum Beruf werden zu lassen.

Das Ziel vor Augen 

Der erste Schritt führte die Rheinhessin nach Berlin. Während des Studiums belegte sie Radio-Seminare und produzierte in Eigenregie ihr erstes, zehnminütiges Hörspiel, mit dem sie sich in Verlagen um ein Praktikum bewarb. "Es ging ums Warten – fünf Leute warten auf den Bus, den Arzt, die Liebe … und es war furchtbar", sagt sie rückblickend. "Aber ich hatte mir die Technik selbst draufgeschafft, das war schon cool." Was vor allem zählt: Ein Held ihrer Kindheit antwortete auf ihre Bewerbung, beeindruckt vom festen Willen der damals 23-Jährigen, in der kleinen Hörspielszene Fuß fassen zu wollen. Oliver Rohrbeck, seit 1979 die Stimme von Detektiv Justus Jonas in "Die Drei ???" und Inhaber des 2003 in Berlin gegründeten Hörspiellabels Lauscherlounge, gab ihr eine Chance.

Hinterhöfe und Livehörspiele 

Das Praktikum begründete eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Neben dem Studium war sie parallel dazu auch in dem 2007 von Rohrbeck aus der Taufe gehobenen Hörspielstudio XBerg im Einsatz, benannt nach dem Stadtteil Kreuzberg, wo sich die beiden Unternehmen eine Hinterhofetage teilen. Durch die Arbeit mit Schauspieler und Hörspielsprecher Detlef Bierstedt, der deutschen Stimme von George Clooney, lernte sie dort, wie man Regie führt. 2010  wurde sie von der Lauscherlounge als Veranstaltungsmanagerin eingestellt, war für die Konzeption und Durchführung von Livehörspiel-Programmen zuständig, führte Hörbuch- und Hörspielregie. Nach einem kurzen Abstecher in die Hörspielproduktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg gehört sie seit 2012 zum festen Team des Hörspielstudios XBerg. "Zum ersten Mal rein als Autorin und Regisseurin, das weiß ich sehr zu schätzen", bekräftigt Steiner. Als solche betreut sie den kompletten Produktionsprozess. Im Auftrag von Audible zum Beispiel für vier Romane des Bestsellerautors Sebastian Fitzek. "Zwei Monate dauert jeweils alleine die Adaption", erläutert die Berlinerin. Es folgen mehrere Wochen Organisation, die Besetzung der Stimmen, die Absprachen mit Autor, Sounddesigner und Komponisten. Anschließend rund zwei Wochen Aufnahme im Tonstudio und etwa zwei Monate Postproduktion für ein sieben Stunden langes Hörspiel.

Freiraum und Festanstellung 

Seit Mai genießt sie es, dank weniger Arbeitsstunden, ihre Kreativität in eigenen Projekten ausleben können. "Mein letztes selbst verfasstes Hörspiel ist sechs Jahre her. Ich bin gar nicht mehr zum Schreiben gekommen", sagt Steiner. Seit einigen Jahren ist sie auch als selbstständige Autorin und Hörspielmacherin tätig. Ihr zweites Werk "übernacht", gesprochen unter anderem von Fritzi Haberlandt, landete auf der HR2-Hörbuchbestenliste, wurde mit dem Ohrkantus-Preis als "Bestes Hörspiel 2012" ausgezeichnet und war als "Bestes Hörspiel" für den Deutschen Hörbuchpreis 2013 nominiert. Wer in den "Überraschungserfolg – so Steiner – reinhören will, kann das auf ihrer Homepage johannasteiner.de tun. Hörspiel Nummer 3 soll im nächsten Jahr herauskommen, kündigt sie an: "Jetzt hält mich nichts mehr, das Skript ist in Arbeit." Wovon es handelt? "Eine Dreiecksbeziehung zwischen Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms", verrät Steiner. Man darf gespannt sein auf das Ergebnis.

Ein weiteres Standbein, dem sie sich zukünftig wieder mehr widmen will, sind Hörspiel-Workshops für Jugendliche, Studenten und Erwachsene. Die Perspektive zu wechseln, sich den Kopf freipusten zu lassen und auf neue Ideen zu kommen, die Gelegenheiten dazu packt die 33-Jährige am Schopf. So auch, als sich ihr die Gelegenheit bot, für den Geophon Verlag eine "Reise durch Irland" aufzunehmen: "Ich hatte wahnsinnig Lust drauf, Irland mal ganz anders entdecken zu dürfen – nur mein Aufnahmegerät und ich – das war der Kracher!", begeistert sich Steiner, die leidenschaftlich gern reist. Aktuell orientiert sich die Hörspielmacherin auch in Richtung Podcast, ein Format, dem sie eine große Zukunft prophezeit. Die internetbasierten Mediendateien seien in den vergangenen anderthalb Jahren wie eine Welle herangebrandet. "Hören kommt bei Erwachsenen wieder mehr an", stellt sie fest. Gute Aussichten für eine junge Hörspielmacherin mit jeder Menge kreativem Potenzial.

Was sagen Sie zu ...?

Workshops?
"Als Lehrerkind liebe ich Workshops. Ich nehme gern teil, und vor allem gebe ich sehr gern welche."

Geräusche?
"Sind ein sehr intuitives Mittel, um Raum und Stimmung zu erschaffen. Ist der Mensch in der Szene einsamer, wenn das Fenster auf oder zu ist?"

Kassetten?
"Ich war ein totales Kassettenkind und habe die klassische 80er-Hörspielkarriere von 'Benjamin Blümchen' bis zu den 'Drei ???' durchlaufen. Dazu kamen Radiohörspiele."

Der Börsenblatt Young Excellence Award 2017 und die Teilnahmebedingungen

  • Zum vierten Mal vergibt das Börsenblatt in Kooperation mit dem Börsenverein, der Frankfurter Buchmesse und dem mediacampus frankfurt einen Preis für herausragende junge Macher und Macherinnen in der Buchbranche. Der Preis zeichnet exzellente Persönlichkeiten bis höchstens 39 Jahren aus, die in der Branche etwas bewegen – sei es als Mitarbeiter in einer Buchhandlung, im Verlag bei einem Dienstleistungsunternehmen oder als Selbstständige.
  • Gefragt sind Leute in Verlagen oder Buchhandlungen oder bei Dienstleistern, die mit eigenständigem Denken und Handeln Spuren hinterlassen, aber noch nicht auf der Top-Führungsebene arbeiten.
  • Selbstnominierungen und Vorschläge für Kandidaten sind gleichermaßen willkommen: Vorschläge  für den Young Excellence Award können jederzeit per E-Mail an k.muehleck@mvb-online.de eingereicht werden. Stichwort: #yeaward
  • Aus allen Vorschlägen wählt die Börsenblatt-Redaktion die Nominierten der Shortlist aus. Jeden Monat stellt das Börsenblatt in der ersten Magazin-Ausgabe und auf boersenblatt.net einen Kandidaten vor. 
  • In einer öffentlichen Wahl ist die gesamte Buchbranche dazu augerufen, auf boersenblatt.net den Preisträger oder die Preisträgerin zu bestimmen. Der Sieger wird im November bekannt gegeben. Die Publikumswahl im Oktober ersetzt das bisherige Jury-Prinzip.

Das gibt es zu gewinnen

  • Alle Kandidaten auf der Shortlist erhalten exklusive Tickets für den "Business Club" der Frankfurter Buchmesse.
  • Der Gewinner kann mit einem Bildungsgutschein in Höhe von 1.000 Euro Fort- und Weiterbildungen auf dem mediacampus frankfurt besuchen.
  • Neben einem E-Paper-Jahresabo des Börsenblatts winkt dem Sieger oder der Siegerin außerdem ein Glaspokal als Trophäe.

Hier gibt es mehr Informationen zum Börsenblatt Young Excellence Award und den bisherigen Peisträgern und Nominierten.

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2 Kommentar/e

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  • Fachbuchlektor

    Fachbuchlektor

    Ich höre mir seit vielen Jahren Hörspiele an. Mittlerweile schalte ich das Radio gar nicht mehr an, wenn ein Hörspiel neuerem Datums gesendet wird.
    Nicht nur, daß die Sprache immer erbarmenswert schlecht ist, können oder wollen sich die modernen Regisseure anscheinend nicht mehr entscheiden, ob sie eine Musik- oder Sprachsendung machen wollen. Kein Hörspiel mehr ohne penetranten Hintergrundlärm, der die Sprache übertönt und den Zuhörer nervt. Und das, obwohl eine Hintergrundmusik gar nicht benötigt wird, ein Buch liest man schließlich auch ohne Hintergrundmusik.
    Hinzu kommt, daß die Sprecher oft bemerkenswert unprofessionell sind. Ihre Betonung erinnert an Drittklässler, die einen Aufsatz vorlesen, fremdsprachige Namen und Begriffe (die in gutem Deutsch gar nicht nötig sind) werden derart affig ausgesprochen, daß dem Zuhörer nur der Griff zum Abschaltknopf bleibt.

    Das alles wundert mich aber nicht mehr, wenn ich hier lese, daß es gar keine Ausbildung zum Regisseur gibt.

  • Hörspielfan

    Hörspielfan

    Eine kleine Anmerkung: natürlich gibt es eine Ausbildung zum Regisseur. Die Ausbildung zum Theater-/Film-/ und Fernsehregisseur verlangt die allgemeine Hochschulreife und behandelt auch das Hörspiel in all seinen Formen.
    Nichts desto trotz benötigt man viel Erfahrung, Sinn für Hör-Dramaturgie und ein großes Repertoire an bereits Gehörtem, um sich als Hörspielregisseur durchzusetzen.
    Dass mein Vorredner neu produzierte Hörspiele im Radio eher abschaltet, liegt eher am Geschmack der Redakteure der Hörspielredaktion denn an den Regisseuren, die sich deren - oft fern des Publikums liegenden - Geschmack beugen müssen.

    • ...

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