#yeaward17: Die Nominierten (1)

Anna Wallitzer: Mut und Familiensinn

Wo andere zögern, packt Anna Wallitzer zu: Seit 2016 ist die studierte Theaterwissenschaftlerin Mitinhaberin der Buchhandlung mondo in Bielefeld. Jetzt ist die 32-Jährige für den Börsenblatt Young Excellence Award 2017 nominiert. KAI MüHLECK

Anna Wallitzer

Anna Wallitzer © Martin Mascheski

Ein halbes Jahr lang hat Anna Wallitzer sich von ihrem Geschäftspartner Lothar Kuhlmann in der Buchhandlung mondo einarbeiten lassen und Fachbücher gewälzt, dann gründete die Quereinsteigerin gemeinsam mit dem 70-Jährigen eine GBR. Kuhlmann, ein leidenschaftlicher Antiquar und Bielefelder Urgestein, war auf der Suche nach einem Teilhaber, den er als Nachfolger aufbauen könnte. Für Wallitzer war die Ausschreibung des Büchergilde-Buchhändlers ein Glücksfall. »Ich hatte Lust auf eine richtige Herausforderung«, sagt die Nachwuchsbuchhändlerin, die im beschaulichen Borgholzhausen lebt. Angst vor dem Scheitern, hatte sie das nicht? »Ich habe mir die Zahlen der letzten Jahre angesehen und mir Rat geholt. Das Risiko erschien mir nicht so hoch«, meint ­Wallitzer. Die Buchhandlung stand nicht schlecht da, die studierte Theaterwissenschaftlerin wollte nicht mitarbeiten, sondern mitentscheiden. Dass sich im Team kein Nachfolge-Kandidat fand, konnte sie kaum fassen: »Ich habe alle anderen Angestellten gefragt, ­warum macht ihr das nicht? Die meisten hatten keine Lust auf die Buchhaltung und Angst vor dem Risiko.«

Heile Buchhandelswelt

Eine eigene Buchhandlung in Bielefeld – das hätte sich die heute 32-Jährige während ihres Au-pair-Jahrs in Schweden wohl kaum träumen lassen. Schon in der Jugend wurde sie vom Theaterfieber gepackt: »Ich wollte Bühnenbilder gestalten, habe aber schnell gemerkt, wie schwer es ist, in dieser kleinen Kunstszene einen Platz zu finden.« Studiengänge, Ausbildungsplätze? Mangelware. Doch in Bayreuth wurde Wallitzer fündig und schrieb sich für Theaterwissenschaften ein. Nach dem Abschluss trat sie eine Stelle als Dramaturgin am Wolfgang Borchert Theater in Münster an. Drei Jahre lang war sie an der Bühne tätig, dann wuchs der Kinderwunsch. »Mir wurde klar, dass sich reguläre Arbeitszeiten und das Theater nur schwer vereinbaren lassen.« Sie gab den Job auf, ihr Sohn kam zur Welt. Die bereits begonnene Promotion strich sie schweren Herzens. Doch Wallitzer ist gut darin, Pläne und das Glück zu schmieden: Sie entwickelte neue berufliche Perspektiven: »Es sollte etwas Politisches sein, mich interessieren gesellschaftliche Umbrüche und politische Literatur.«

Lust auf eigene Schwerpunkte

Trotz des Altersunterschieds: Ihrem Geschäftspartner begegnet sie auf Augenhöhe. Die Aufgaben in der Buchhandlung haben sich die beiden aufgeteilt: Wallitzer kümmert sich um die Buchhaltung und die Belletristik,  die das Standbein des Sortiments darstellt, Kuhlmann ist für Sachbücher und das Antiquariat verantwortlich, das sozusagen eine eigene Insel in der Buchhandlung bildet. Für die Büchergilde und für die Eventplanung sind beide zuständig. Zwei bis drei Veranstaltungen stemmt die Buchhandlung jeden Monat, die beiden 14-tägigen Lesekreise und den Humanistentreff nicht mit eingerechnet. Ein hohes Pensum, doch die Arbeit lohnt sich, findet Wallitzer. Sie hat die Veranstaltungsreihe »feministische Stadtführungen« etabliert und lädt regelmäßig ­Illustratoren oder Schauspielerinnen ein. Und: Ihr ist wichtig, dass genauso viele Autorinnen wie Autoren eingeladen werden. »Es gibt da in der Buchbranche leider eine Schräglage.«

Auch im Belletristik-Leserkreis »soll sich jeder zum Ausdruck bringen«, wie Wallitzer es formuliert. Die junge Frau weiß stillere Mitglieder einzubinden, würgt einen Redeschwall schon mal freundlich ab. »Im Theater war ich viel mit Stückeinführungen für Schulklassen und Diskussionsrunden befasst«, sagt Wallitzer. »Im Vergleich mit der doch sehr extremen Theaterwelt ist es in der Buchhandlung viel entspannter. Das genieße ich.«

Zukunftsmusik

Was passiert, wenn ihr energiegeladener Geschäftspartner Lothar Kuhlmann sich eines Tages zurückziehen sollte? Immerhin ist der Antiquar  schon 70 Jahre alt. »Wir halten bereits die Augen nach einem Nachfolger offen«, sagt Wallitzer. Aber erst einmal wird sie selbst beruflich kürzertreten – im Juli erwartet die Buchhändlerin ihr zweites Kind. Die Buchhaltung und Veranstaltungsplanung will sie dann von zu Hause meistern. »2018 werde ich wieder einstiegen, mit Kind in der Buchhandlung und halben Tagen«, sagt Wallitzer. Nur Hausfrau zu sein, das wäre ihr auf Dauer zu wenig. »Familie und Karriere – mir ist beides wichtig«, sagt die Sortimenterin, die Halt in ihrem Partner findet. Der flexible Schornsteinfeger verbringt viel Zeit mit dem Sohn, holt ihn regelmäßig vom Kindergarten ab. »Dann kann es bei mir abends ruhig mal später werden«, meint Wallitzer selbstbewusst.

Was sagen Sie zu …?

… Buchhaltung?
"Das Buchhalterische macht mir großen Spaß, ich hantiere gern mit den Zahlen. Eine ganz meditative Tätigkeit."

… Familie?
"Für mich persönlich das Wichtigste. Die Familie fängt alles Negative auf. Beim Theater gibt es schlechte Spielzeiten und im Buchhandel schlechte Jahre, aber die Familie ist immer da."

… Kunden?
Von superskurril bis zur herzens­guten Vielleserin – die volle Bandbreite der Gesellschaft! Der Kundenkontakt ist mit das Schönste am Buchhändlerberuf.

Der Börsenblatt Young Excellence Award 2017 und die Teilnahmebedingungen

  • Zum vierten Mal vergibt das Börsenblatt in Kooperation mit dem Börsenverein, der Frankfurter Buchmesse und dem mediacampus frankfurt einen Preis für herausragende junge Macher und Macherinnen in der Buchbranche. Der Preis zeichnet exzellente Persönlichkeiten bis höchstens 39 Jahren aus, die in der Branche etwas bewegen – sei es als Mitarbeiter in einer Buchhandlung, im Verlag bei einem Dienstleistungsunternehmen oder als Selbstständige.
  • Gefragt sind Leute in Verlagen oder Buchhandlungen oder bei Dienstleistern, die mit eigenständigem Denken und Handeln Spuren hinterlassen, aber noch nicht auf der Top-Führungsebene arbeiten.
  • Selbstnominierungen und Vorschläge für Kandidaten sind gleichermaßen willkommen: Vorschläge  für den Young Excellence Award können jederzeit per E-Mail an k.muehleck@mvb-online.de eingereicht werden. Stichwort: #yeaward
  • Aus allen Vorschlägen wählt die Börsenblatt-Redaktion die Nominierten der Shortlist aus. Jeden Monat stellt das Börsenblatt in der ersten Magazin-Ausgabe und auf boersenblatt.net einen Kandidaten vor. 
  • In einer öffentlichen Wahl ist die gesamte Buchbranche dazu augerufen, auf boersenblatt.net den Preisträger oder die Preisträgerin zu bestimmen. Der Sieger wird im November bekannt gegeben. Die Publikumswahl im Oktober ersetzt das bisherige Jury-Prinzip.

Das gibt es zu gewinnen

  • Alle Kandidaten auf der Shortlist erhalten exklusive Tickets für den "Business Club" der Frankfurter Buchmesse.
  • Der Gewinner kann mit einem Bildungsgutschein in Höhe von 1.000 Euro Fort- und Weiterbildungen auf dem mediacampus frankfurt besuchen.
  • Neben einem E-Paper-Jahresabo des Börsenblatts winkt dem Sieger oder der Siegerin außerdem ein Glaspokal als Trophäe.

Hier gibt es mehr Informationen zum Börsenblatt Young Excellence Award und den bisherigen Peisträgern und Nominierten.

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